Spielplan

Mittwoch
26.12.2012

Wiener Blut

Operette von Johann Strauß

Volksoper Wien

Mittwoch 26. Dezember 2012
Beginn: 19.00 Uhr

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Spieldauer: 3 Stunden , Pausen: 1

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Der Titel der Operette "Wiener Blut" wurde in der jüngeren Vergangenheit missbraucht - zu einem Wahlslogan aus der untersten Schublade von Gesinnung und Dichtkunst und, in Reaktion darauf, zu einer Tirade einer kleinen Wiener Bühne gegen die Operette an sich. Dabei ist die Operette, die Adolf Müller aus diversen Strauß-Tänzen zusammengestellt hat, so schmunzelnd-unterhaltsam, so bissig-ironisch wie die besten ihres Genres.

Mit englischen Übertiteln

Pressestimmen

DER STANDARD VON DANIEL ENDER, 12.9.2011

Die Quadratur des Operettenklischees
Die erste Premiere der Saison bescherte der Volksoper einen ungetrübten Erfolg: Regisseur Thomas Enzinger erzählt "Wiener Blut" mit kluger Ironie, Dirigent Alfred Eschwé sorgt für eleganten Schmiss
"Das habe ich geschrieben?!", soll Johann Strauß gerufen haben, als man ihm zeigte, was da aus seinen Melodien geworden war. Als die Operette Wiener Blut dann im Oktober 1899 uraufgeführt wurde, lag der Walzerkönig bereits in seinem Ehrengrab am Zentralfriedhof. Karl Kraus überschüttete in der Fackel die Librettisten Viktor Léon und Leo Stein mit Spott, und auch das Wiener Publikum konnte sich mit dem Stück nicht gleich anfreunden.
Inzwischen gehört die musikalische "Leichenfledderei" von Adolf Müller freilich zu den festen Säulen des leichten Repertoires. Verständlich also, dass sie Direktor Robert Meyer seinem Haus in angemessener Form zeigen wollte. Wie man Operetten adäquat zeigt, darüber gehen die Meinungen freilich auseinander.
Bedient man die Klischees und Erwartungen der Mehrheit des Publikums, oder soll man sie − zumindest ein bisschen − brechen? An dieser Frage sind Regisseure schon dutzendfach gescheitert, wenn sie sich zu deutlich für das eine oder andere entschieden haben; und auch Thomas Enzinger hat sich mit der Problematik offensichtlich intensiv auseinandergesetzt. Entschieden hat er sich aber dafür, beides zu tun − und dadurch die Quadratur eines Teufelskreises geschafft, in dem sich andere rettungslos verheddern.
Seine Inszenierung, die am Freitag in der Volksoper Premiere hatte, setzt genau bei den Klischees an, zeigt schon während der Ouvertüre touristische Wien−Bilder, die allerdings ins Groteske verdreht sind: Marionettenhaft stehen Kaiserin Sisi und Kaiser Franz Joseph, der goldene Schani aus dem Stadtpark und ein Kitsch−Mozart auf der Bühne, während ein "Ausrufer" (Gernot Kranner) wie aus Wedekinds Lulu das Publikum zum Reigen einlädt.
Flott und stimmig
Dann freilich erzählt Enzinger die Handlung fast ganz unverändert, auch wenn er die Dialoge neu eingerichtet und mit Zitaten von Sigmund Freud, Johann Nestroy, Alfred Polgar, Werner Schneyder und Arthur Schnitzler gespickt hat. Bombensichere Gags und sicher, aber nicht sparsam dosiertes Outrieren gibt es für das Unterhaltungsbedürfnis. Dazu kommen etliche Querverweise für den weitergehend interessierten Bildungsbürger. Und etliche hinzugefügte, immer wieder auftauchende Figuren wurden so klug integriert, dass wohl kaum jemand daran Anstoß nehmen kann.
Darunter sind Strauß selbst ("Was, der lebt noch?"), ein zigarrerauchender Freud oder der Maler Hans Makart, dessen Gemälde auch auf den behutsam zwischen gutem Witz und fast so gutem Geschmack austarierten Kulissen prangen (Ausstattung: Toto).
Noch ausgewogener geht es nur im Graben zu: Alfred Eschwé animiert das hervorragend aufgestellte Orchester (ebenso wie den tadellosen Chor) zu kaum noch zu übertreffender Eleganz, lässt flott und jederzeit flexibel musizieren − nicht nur den Walzerrhythmus. Das kommt nicht nur dem Wiener Staatsballett zugute, das mit deutlichem modernem Einschlag tanzt (Choreographie: Bohdana Szivacz), sondern auch dem ebenfalls flott durchchoreografierten Geschehen auf der Bühne.
Es wäre nur begrenzt sinnvoll, bei einem Ensemble, das so ausgiebig spielen, tanzen und auch noch singen muss, ausschließlich einen vokalen Maßstab anzulegen. Sonst könnte man allzu leicht die in Summe stimmigen Leistungen von Sieglinde Feldhofer (Franzi), Renée Schüttengruber (Pepi) oder Boris Eder (Josef) auseinanderdividieren. Man könnte darüber vergessen, mit wie viel Stimmkultur Thomas Blondelle (Balduin) und vor allem Kristiane Kaiser (Gabriele) ihr großes Duett sangen, und würde sich womöglich nur an die grandiosen Komödianten Carlo Hartmann (als köstliche germanische Karikatur Fürst Ypsheim−Gindelbach) und Gerhard Ernst (als derb polternder Fiakerkutscher) erinnern.
Und man könnte vergessen, dass es an diesem Abend auch noch eine Botschaft gab. Hatte die Volksoper schon im Vorfeld der Produktion Stellung gegen einen widerlichen Wiener Wahlkampfslogan bezogen, so ging es in jenen scharfzüngigen Couplets, die Wolfgang Böck (Kagler) sang, auch um die Vielfalt der Kulturen (Text: Christoph Wagner−Trenkwitz). Wenn ein belgischer Tenor den Operettenton so gut treffen kann wie an diesem Abend, dann kann jeder ein Wiener werden.


SALZBURGER NACHRICHTEN VON DEREK WEBER, 12.9.2011

„Wiener Blut“. Wie Intrigen und Liebesaffären in der Operette von Johann Strauß aufgelöst werden, zeigt die Volksoper zum Saisonstart.
Es kann wohl kaum ein Zufall sein, dass Thomas Enzinger einen so guten Operettenruf hat. […] Enzinger versteht sich auf den gekonnt servierten Wiener wie den Operettenschmäh. Das Tempo stimmt, und die vielen kleinen textlichen Bearbeitungen und Anspielungen auf die politische, soziale und finanzielle Gegenwart („Lobbyistenabrechnung“, „Unschuldsvermutung“, „Was war mei Leistung?“) sitzen, weil sie naheliegen.
Was Thomas Enzinger macht, ist gelungenes Volkstheater im doppelten Sinn: Das soziale Oben und das Unten werden vermischt, es wird outriert, gewienert und – im Fall des Premierministers Fürst Ypsheim−Gindelbach (Carlo Hartmann) – gesächselt, was das Zeug hält. […] Goldener Johann Strauß. Ein Glücksfall ist auch, dass der Regisseur nicht von Aktualisierungswut getrieben ist, sondern die Operette in der Zeit ihrer Entstehung spielen lässt, in einem bis zum Lustpeitscherl liebestollen Fin de Siécle mit anspielungsvoll−frech choreografierten Balletteinlagen (Choreografie: Bohdana Szivacz), in dem sich von k. k. Rekruten über Doktor Freud, Sissi und ihrem Liliputanerkaiser mit seinem bekannten Backenbart bis zum goldenen Johann Strauß und dem Straßenmusikanten Mozart alles tummelt, was Rang und Namen hat.
Slap und Stick regieren auch das geschmackvolle Bühnenbild (Kostüme und Bühnenbild: Toto), angefangen vom überlangen Sofa mit seinen vielfältigen Spielmöglichkeiten bis zur abschließenden Vogel−Strauß−Ramasuri−Party in Hietzing, wo sich alle Operettenintrigen in Wohlgefallen auflösen.
Das ist kurzweilig (zumal Enzinger mit einer Pause auskommt, die er mitten in den zweiten Akt legt), unterhaltsam und immer wieder zum Schießen komisch. Das Urwienerherz darf sich als schimpfender Fiaker (Gerhard Ernst) austoben; und wer Einblick in die österreichische Diplomatenszene hat, wird den Gesandten von Reuß−Greiz−Schleiz, Balduin Graf Zedlau (Thomas Blondelle), genauso gut kennen, wie ihm der Karusellbesitzer Kagler (ein wahrlich edler Volkstrinker: Wolfgang Böck), der Vater der Tänzerin Franziska Cagliari (Sieglinde Feldhofer), schon längst ins Auge gestochen ist. Probiermamsellen wie die Pepi Pleininger (Renée Schüttengruber) sind freilich längst ausgestorben. […] Nur die Vogel−Strauß−Skulpturen, die am Schluss über die Bühne eiern, die sind umwerfend neu.


KLEINE ZEITUNG VON HARALD STEINER, 11.9.2011

Volksopern−Saisonauftakt mit "Wiener Blut".
Eine einfallsreiche Inszenierung der Operette "Wiener Blut" von Johann Strauß hat Thomas Enzinger für den Saisonauftakt an der Wiener Volksoper geschaffen. Textlich hat er das Stück, das Adolf Müller aus Ohrwürmern des Meisters zusammengestellt hat, behutsam neu eingerichtet und mit geistreichen Anspielungen aus der Literatur und dem modernen Alltag versehen.
Stumme Figuren reichern die Szene pantomimisch an: Johann Strauß selbst, vergoldet und dem Trunke zugetan, Sigmund Freud mit Notiz− und Hans Makart mit Skizzenbuch. Wuchtelschieber Nr. 1 ist der Ringelspielbesitzer Kagler, und in dieser Rolle brilliert TV−Polizist Wolfgang Böck. […]
Fulminant der belgische Tenor Thomas Blondelle als Graf Zedlau, der eine Ehefrau und zwei Geliebte unter einen Hut bringen muss. Ebenfalls fulminant Boris Eder als sein Kammerdiener Josef. […] Am Dirigentenpult der bewährte Alfred Eschwé.


KURIER VON PETER JAROLIN,

Regisseur Thomas Enzinger seziert den Mythos "Wiener Blut" und zugleich die Wiener Seele.
Genau mit jenem "Wiener Blut" nämlich, der nach dem Tod von Johann Strauß 1899 uraufgeführten Operette, ist die Volksoper in die neue Spielzeit gestartet und hat gezeigt: Ja, es geht. Man kann Operette heutig, modern und dennoch werkgetreu auf die Bühne bringen.

Verantwortlich dafür ist Regisseur Thomas Enzinger, der den Mythos "Wiener Blut" und zugleich die Wiener Seele seziert. Enzinger siedelt die Geschichte rund um den notorisch untreuen Balduin Graf Zedlau sowie dreier Paare, die letztlich zueinanderfinden, in den 20er−Jahren des vorigen Jahrhunderts an. Da tänzelt Sigmund Freud durch die Reihen, notiert sich die Neurosen. Gustav Klimt malt, Alt−Österreich wird durch Sisi und Franz Joseph repräsentiert. Jedes Wien−Klischee − hier wird's Ereignis und großartig persifliert. Von Mozart bis Falco − Enzinger lässt nichts aus. Und auch Schani Strauß steigt von seinem Denkmal−Sockel, nimmt die Fidel in die Hand, geigt fröhlich auf und lässt den Flachmann munter kreisen.

Das alles ist klug, witzig, bunt, böse und zudem herrlich anzuschauen (Ausstattung: Toto); allein die überdimensionierten Sträuße (samt Gartenlauben−Eiern) im dritten Akt sind ein genialer Einfall. Und Enzinger rückt die Operette auch in die Nähe zu Nestroy, er schaut den Wienern aufs sprichwörtliche Maul, entlarvt das gar nicht goldene Wiener Herz als mörderische Schlangengrube. […]
Auch Boris Eder als brillanter, Nestroy'scher Diener Josef und Wolfgang Böck als wienerisch lautmalender Kagler treffen den richtigen Tonfall. […]
KURIER−Wertung: **** (von *****)


DER NEUE MERKER VON MANUELA MIEBACH

Selbst Johann Strauß und der Arrangeur Adolf Müller hätten ihre wahre Freude gehabt, denn schöner kann man Operette nicht inszenieren.
Der Regisseur Thomas ENZINGER, natürlich in Wien geboren, hat ein Händchen für Operetteninszenierungen, mit denen er sich nicht nur in Deutschland, sondern auch in Wien bereits einen guten Namen gemacht hat.
Sein Einfallsreichtum mit geistigem Witz gepaart, seine Vorstellungen von Bühnenbild, Kostüme und Licht, die Idee des Zusammenspiels zwischen Solisten und Ensemble, die kleinen psychologischen Versteckspiele (Sigmund Freud), die unter anderem, teils auf charmante Art die Wiener Dekadenz zum Ausdruck bringt, der derbe Dialekt eines Proletariats, dieser ganze Mix des echten Wieners, gerührt und geschüttelt, ist ohne Zweifel hervorragend in Szene gesetzt.
Viel wurde entstaubt von Thomas ENZINGER, und doch blieb er dem konventionellen Operettenglanz treu. Im zweiten Akt, trifft man sich, nicht wie im Original – Libretto, eben nicht auf einem Ball, sondern auf einer Vernissage. Vielleicht ist es als eine Art Ironie zu verstehen, da die feine Wiener Gesellschaft sowieso nichts von der Malerei versteht und mit dem Rücken zum Bild, und mit einem Glas Wein in der Hand, doch eher gelangweilt über die französische Couture, oder über den Beluga – Kaviar vom Meindl plaudert. Nach der Vernissage fährt man zum Remasuri nach Hietzing, lässt seine Maske fallen und bewegt sich doch recht ungezwungen nicht nur unter seinesgleichen. Hier wird auch der Wiener Mob geduldet und zum Handlanger der Unterhaltung herangezogen. Somit sind Handlung und Text dieses Werks doch immer zweideutig zu verstehen, wobei die Wiener Seele ein eigenes Kaliber für sich, für Fremde nur schwer zu verstehen ist, doch dem Wiener sozusagen aus der Seele spricht.
Deutlicher hätte man also die Wiener Mentalität nicht verdeutlichen können.
Kommen wir aber zu den Solisten und zu dem Ensemble, wobei jede Rolle charakteristisch ideal besetzt ist und wo selbst die Darstellung einiger Statisten eine eigene Aussage findet. Beginnen wir gleich mit dem deutschen Premierminister Reuß−Greiz−Schleiz, der typisch und ausgezeichnet von Carlo HARTMANN interpretiert wurde, der den Piefke auf humorvolle Art und Weise das dementsprechende Profil gibt. Als krasser Gegensatz agiert der Karussellbesitzer Kagler, den Wolfgang BÖCK im proletarischen Milieu anlegt. Selten so gelacht habe ich über Gerhard ERNST, der als Fiakerkutscher in seinem derben Wiener Dialekt alle Konventionen bricht und wo selbst der eingefleischte Wiener vielleicht noch einiges an extra ordinären Beschimpfungen lernen konnte.

Seine Tochter, die gräfliche Mätresse und Tänzerin Franziska Cagliari, gespielt von Sieglinde FELDHOFER, mit ordentlichem Sex – Appeal ausgestattet, zeigt Keckheit, gewisse Frivolität, und doch gerade in dieser Rolle eine schauspielerische und gesangliche Glanzleistung. Ein zwischen mehreren Stühlen sitzender Graf Zedlau, der dem weiblichen Charme wohl kaum widerstehen kann, ist Thomas BLONDELLE, ein aus Belgien stammender Tenor, der in seinem Debüt an der Wiener Volksoper alle Register zog, sowie darstellerisch als auch gesanglich. Eine souveräne Kristiane KAISER drückt als seine Gattin so manches Auge zu, die Liebschaften ihres Gatten toleriert sie, mit ihrer stimmlicher Brillanz gehört sie zu den absoluten Atouts des Abend.

Renée SCHÜTTENGRUBER ist als Pepi Pleiniger eine quirlige Probiermamsell, schauspielerisch mit einer ordentlichen Portion Humor ausgestattet, und stimmlich ebenso überzeugend. Ihr Habschi Josef, Kammerdiener des Grafen, gespielt von Boris EDER, ist ihr ein ideales Pendant, mit schauspielerischer, gesanglicher und tänzerischer Höchstleistung.

Da wären wir auch schon beim Ballett (Choreographie Bohdana SZIVACZ), das nicht nur in den farbenprächtigen Kostümen (TOTO) ein wahrer Augenschmaus ist, sondern auch durch tänzerische Höchstleistung viel Schwung auf die Bühne brachte. Ebenso der Chor, der diesmal wirklich in schönen und eleganten Kostümen im Einklang zu den gesamten Szenenabläufen stand.
Das wachende Auge des Johann Strauß, hier dargestellt von Georg WACKS, war ebenso ein guter Regieeinfall wie auch die übergroßen Sträuße und die Darstellung einzelner Separées, als übergroße Straußeneier dargestellt, sind entweder als eine Art These Sigmund Freuds zu interpretieren − oder einfach als Gag auf die Gesamtdynastie der musikalischen Sträuße.
Zu erwähnen wäre noch Gernot KRANNER als Ausrufer und die Kellnerin Susanne LITSCHAUER, die in das Gesamtkonzept der Produktion überzeugend mit eingegliedert wurden.
Alfred ESCHWÉ, der seit vielen Jahren als Dirigent mit Präzision sein Orchester führt, ließ die beschwingte Strauß−Operette neu aufleben, mit musikalischer Brillanz, mit der er nicht nur bei den solistischen, sondern auch speziell bei den Ensemblenummern für musikalisches Feuerwerk sorgte.
Diese Produktion ist voller Kraft, voller Glut, eben das Wiener Blut, und verspricht ein Dauerbrenner zu werden. Denn wer kann dem Wiener Charme und der zündenden Musik schon widerstehen, wenn es heißt: Vorhang auf für eine herzerfrischende Wiener Operettenseligkeit.

Viel Applaus und Standing Ovations für Solisten, Orchester und ein ausgezeichnetes Leading−Team.

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