120 Jahre Volksoper – Vielfalt seit 1898

Gemäß Schillers Vision vom „Theater als moralische Anstalt“ herrschte Ende des 19. Jahrhunderts die Überzeugung vor, das Theater könne zur Hebung des sittlichen Niveaus beitragen. Daher war man bemüht, auch jene Schichten, die keinen Zugang zu den Hoftheatern hatten, in eigens dafür errichteten Häusern an die großen Werke der Weltliteratur heranzuführen. Solchen Bestrebungen verdankt auch die Volksoper ihre Existenz.

Ansichtskarte des Kaiserjubiläums-Stadttheaters© Archiv Volksoper

Als am 14. Dezember 1898 anlässlich des 50-jährigen Thronjubiläums Kaiser Franz Josephs I. die heutige Volksoper als Kaiserjubiläums-Stadttheater eröffnet wurde, trug der Besitzer des Hauses, der deutschnational und antisemitisch gestimmte Kaiserjubiläums-Theaterverein, seinem ersten Pächter Adam Müller-Guttenbrunn auf, an dieser zunächst als Sprechtheater geführten Bühne die deutsche Kunst zu pflegen und sie breiten Schichten der Bevölkerung zugänglich zu machen. Subventionen erhielt das Theater keine, ein Umstand, der es bis 1938 immer wieder in Schieflage bringen und bereits fünf Jahre nach der Eröffnung in den ersten Konkurs führen sollte.

1903 übernahm der aus Köln stammende Sänger und Regisseur Rainer Simons die Leitung des Hauses, unter dem es erstmals zu dem wurde, was es heute ist: eine Volksoper. Zwar behielt Simons zunächst auch Schauspiele im Repertoire, doch zielstrebig baute er das Haus zum Musiktheater um, mit Alexander Zemlinsky als Musikdirektor. Salome und Tosca erlebten in Simons Ära ihre Wiener Erstaufführungen, für Aufsehen sorgten ferner seine Wagner-Produktionen, die sogar jenen unter Mahler an der Hofoper Konkurrenz machten.

Auch die Operette hielt Einzug, vorerst allerdings in Form von Gastspielen des Theaters an der Wien und des Carltheaters. 1917 schied Rainer Simons aus, seine Nachfolger, darunter die Dirigenten Felix von Weingartner und Fritz Stiedry, steuerten das Haus mit wechselndem Glück durch inflationsbedingt schwierige Zeiten. 1928 wurde die Volksoper geschlossen, 1929 als Neues Wiener Schauspielhaus wieder eröffnet. Zwei Jahre später versuchte man es wieder mit Oper und Operette, hatte damit aber ebenfalls nur mäßigen Erfolg, wenngleich sich einzelne Produktionen wie „Ich hab mein Herz in Heidelberg“ verloren großen Zuspruchs erfreuten.

1938, nach der Okkupation Österreichs durch Deutschland, wurde die Volksoper zum „Opernhaus der Stadt Wien“. Wie in anderen Institutionen brach durch die Machtergreifung der Nazis auch über dieses Theater großes menschliches Leid herein. Das nunmehr subventionierte Haus widmeten die beiden Direktoren, der früh verstorbene Sänger Anton Baumann und Oskar Jölli, vor allem der Gattung Oper. Nachmalige Publikumslieblinge wie Ljuba Welitsch oder der spätere Direktor Karl Dönch haben in dieser Zeit an der Volksoper debütiert.

Da das Gebäude den Zweiten Weltkrieg nahezu unbeschädigt überstand, diente es nach Kriegsende als Ausweichquartier für die durch Bomben zerstörte Staatsoper. Am 1. Mai 1945 nahm diese in der Volksoper mit Die Hochzeit des Figaro ihren Spielbetrieb auf. Als die Staatsoper ab Oktober 1945 unter Direktor Franz Salmhofer zusätzlich das Theater an der Wien bespielte, konzentrierte sich Hermann Juch als Direktor der „Staatsoper in der Volksoper“ auf Spielopern, bescherte daneben aber auch der Operette eine Renaissance. Vor allem die Produktion von Millöckers „Der Bettelstudent“, bei der Regisseur Adolf Rott die Drehbühne als künstlerisches Ausdrucksmittel einsetzte, wurde legendär. 

Währinger Linie 1891, gemalt von F. Reinholz Blickrichtung stadtauswärts; Rechts: An der Stelle des Linienamtes steht heute die Volksoper. Links: An der Stelle Linienkapelle befindet sich heute die Confiserie „Zum süße Eck“.© Bezirksmuseum Währing

Die Sorge, nach Eröffnung der neu aufgebauten Staatsoper würde die Volksoper geschlossen, erwies sich als unbegründet: Neben Staatsoper und Burgtheater wurde sie 1955 den Österreichischen Bundestheatern eingegliedert. Deren Leiter, Ernst Marboe, holte Marcel Prawy als Chefdramaturgen ans Haus, der unter den Direktoren Franz Salmhofer und Albert Moser gegen viele Widerstände dem Musical in Österreich zum Durchbruch verhalf. Daneben baute die Volksoper ihren Ruf weiter aus, in Sachen Operette die Nummer eins zu sein. Das bewies sie in der Ära Karl Dönch auch international, als sie erstmals mit großem Erfolg in den USA, Russland und in Japan gastierte.

Unter Dönchs Nachfolger Eberhard Waechter wurde die Volksoper 1991 mit der Staatsoper fusioniert, behielt aber trotzdem ein eigenständiges Profil, auch unter Ioan Holender, der nach Waechters überraschendem Tod 1992 die Leitung beider Häuser übernahm. Erst seit 1996 ist die Volksoper wieder eigenständig. Unter den folgenden Direktoren Klaus Bachler, Dominique Mentha und Rudolf Berger spielte sie ein breites Repertoire aus Oper, Operette, Musical und Ballett.

2007 übernahm Kammerschauspieler Robert Meyer die künstlerische Leitung der Volksoper, die nun zusätzlich auch ein vielfältiges Angebot für Kinder, Jugendliche und Familien im Programm hat.

Peter Blaha