Liebes Publikum!

Sehr geehrte Damen und Herren! 

Im Bereich des Musiktheaters stößt man bemerkenswerterweise immer wieder auf Sujets und Themen, welche die Kultur der Sinti und Roma thematisieren oder zitieren. (Davon ist etwa im Vorwort zur aktuellen Ausgabe unserer Volksopernzeitung zu lesen.) Unsere aktuelle Premiere, Johann Strauß' Operette Der Zigeunerbaron, trägt den Begriff „Zigeuner“ sogar im Titel. Alleine die Tatsache, dass wir dieses Werk, welches immerhin ein Meilenstein der Wiener Operette ist, auf den Spielplan gesetzt haben, könnte Irritationen hervorrufen – das war der Direktion der Volksoper und allen künstlerisch Verantwortlichen der Produktion von vornherein bewusst. Denn es ist allgemein bekannt: Die Volksgruppe der Sinti und Roma selbst lehnt die Fremdbezeichnung „Zigeuner“ wegen stigmatisierender und rassistischer Konnotationen größtenteils ab. Auch gesamtgesellschaftlich hat sich deren Eigenbezeichnung – zum Glück! – im Sprachgebrauch weitgehend durchgesetzt.

Mit der Entscheidung, Johann Strauß' fantastischer Musik, die er für seine späte Operette Der Zigeunerbaron geschrieben hat, eine Bühne zu bieten, ging für uns und für das gesamte Kreativteam der Produktion selbstverständlich eine intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte der Sinti und Roma einher. Aus dieser Reflexion und zahlreichen internen Gesprächen zum Thema resultierend haben wir uns zu folgendem Umgang mit dem Begriff „Zigeuner“ im Zuge der Neuproduktion des Zigeunerbarons entschieden: Die „Zigeuner“, die in Strauß’ Operette übrigens als selbstbewusste Sympathieträger auftreten, tragen ihre im Stücktitel verankerte Bezeichnung als solche durchaus selbst auf den Lippen – im Kontext der Handlung kann man also nicht von einer Fremdbezeichnung sprechen. Wir verwenden den Begriff „Zigeuner“ daher in allen Inhaltsangaben und damit verwandten („stückimmanenten“) Textsorten unkommentiert und ohne Anführungszeichen. In allen anderen – kommentierenden oder weiterführenden – Texten verwenden wir den Begriff jedoch selbstverständlich unter Anführungszeichen gesetzt.

Im Vorfeld zur Produktion war unsere Dramaturgie, welche die Produktion inhaltlich begleitet, mit verschiedenen Sinti- und Roma-Initiativen in Kontakt, unter anderem mit Frau Dr. Anja Titze, der kulturpolitischen Referentin des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Mit Frau Dr. Titze haben wir uns einerseits über die beschriebene Begrifflichkeit und die mit ihr in Verbindung stehende Problematik ausgetauscht, andererseits haben wir uns mit ihr aber auch über eine notwendige kritische Haltung in der zentralen Publikation zur Produktion – dem Programmheft – verständigt. Zudem setzt auch Peter Lunds Inszenierung ein Statement und lässt die beiden Protagonistinnen der „Zigeuner“ einige Sätze auf Romani, der Sprache der Sinti und Roma, sprechen. Zu diesem Zweck waren wir mit Vertretern des burgenländischen Vereins Roma Service in Kontakt, die sich der Übersetzung, aber auch Supervision der erwähnten Szenen annahmen. Die Regie von Peter Lund macht den historischen Kontext des Werkes zudem hinreichend erfahrbar, und so kann von einem aufgeklärten Publikum – aus unserer Sicht – erwartet werden, eigenverantwortlich daraus entsprechende Zusammenhänge herzustellen. Als Theatermenschen sind auch wir den Idealen von Humanismus und Aufklärung verpflichtet, und daher sind Johann Strauß' Operette Der Zigeunerbaron sowie die darin auftretenden Figuren bei uns in besten, höchst umsichtigen Händen. 

Auf Ihren Besuch in der Volksoper, Ihre differenzierte Betrachtungsweise, Ihre Lektüre des Programmhefts und Ihre etwaige Kontaktaufnahme im Sinne einer konstruktiven Diskussion freuen sich 

Direktion und Dramaturgie der Volksoper Wien