Der Eiserne Vorhang der Volksoper Wien

Als Besucher der Volksoper sehen Sie ihn vor Beginn einer Vorstellung und nach Ende des Schluss­applauses: den Eisernen Vorhang. Bei einzelnen Soireen und Sonderveranstaltungen bildet er sogar den ganzen Abend lang den Hintergrund. Immer wieder erreichen uns Fragen unserer Zuschauerinnen und Zuschauer, was das reich mit Ornamenten und Symbolen versehene Bild eigentlich darstellt.

Vorab: Bespannt ist der „Eiserne“ mit dem originalen Dekorationsvorhang aus dem Jahr 1898, als das damalige Kaiserjubiläums-Stadttheater zum 50. Regierungs­jubiläum von Kaiser Franz Joseph I. eröffnet wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg galt der Vorhang lange Zeit als verschollen, bis er Mitte der 90er Jahre, eingerollt auf dem Dachboden des Theaters an der Wien, wiedergefunden wurde. Mit Hilfe von Sponsoren gelang es in der Direktion von Klaus Bachler, den Vorhang zu restaurieren und ihn pünktlich zum 100-Jahr-Jubiläum der Volksoper 1998 auf die Brandschutzunterlage aufzuziehen.

Gemalt wurde der Vorhang von Karl Schüller (gest. 1901) und dem Theaterdekorationsmaler Georg Janny (1864–1935). Georg Janny entwarf später etwa für die Wiener Hofoper das ausladende Bühnenbild zu Karl Goldmarks Die Königin von Saba.

Auf dem Vorhang zu sehen ist eine Allegorie, ein Genre, das sich in der Epoche des Historismus großer Beliebtheit erfreute. Dargestellt wird, wie dem „einfachen Volk“ Augen und Ohren für die Kunst geöffnet werden sollen. Das Bild wird umrahmt von zwei Säulen mit den Jahreszahlen 1848 (links) und 1898 (rechts), die auf das 50-jährige Regierungsjubiläum des Kaisers hinweisen. Am oberen Bildrand symbolisiert eine Kette von 50 Rosen, die von Amoretten gehalten wird, ebenfalls dieses Jubiläum. Die Dame im Zentrum mit blumenbekränzten Haaren und dem Wiener Stadtwappen ist die allegorische Figur der Vindobona (ein Hinweis auf das damalige Besitzrecht der Stadt Wien am Kaiserjubiläums-Stadttheater). Auf der rechten Seite befindet sich ein Handwerker, dem zwei Amoretten einen Hammer abnehmen, während ihm ein von oben herabschwebender Genius die Augenbinde löst, damit er offen sei für die schönen Künste. Auf einem Podest im Zentrum der Ansicht befindet sich ein Zug von Personen: an der Spitze, auf einem geflügelten Schimmel, die Dichtkunst, zur Rechten geleitet von einem Germanen, zur Linken von einer germanischen Jungfrau. Es reihen sich Unschuld, Sanftmut, Freundschaft, Mildtätigkeit, Mut und Gerechtigkeit an. Links über den Tugenden schwebt ein kosendes Pärchen als Symbol der Liebe. Rechts auf den Stufen ruhen zwei Figuren, die das Trauerspiel und das Lustspiel versinnbildlichen. Hinter der Terrasse wird der Blick auf die eingemeindete Vorstadt Währing freigegeben. Links im Vordergrund sind die bösen Eigenschaften des Menschen – Eitelkeit, Feigheit, Zorn und Stolz – in Dunkel gehalten.

Das Kaiserjubiläums-Stadttheater wurde 1898 von einer Bürgerinitiative zur Pflege des deutschen Sprechtheaters gegründet. Diese Spielplanpolitik hatte jedoch keinen Erfolg, und Direktor Rainer Simons gestaltete das Haus ab 1903 zu einem Musiktheater um. Ab September 1906 standen ausschließlich Opern und Operetten auf dem Programm des Hauses.

Felix Brachetka