„Ohne Bart ist ein Mann nicht richtig angezogen“

Zur Wiederaufnahme von Rossinis „Barbier von Sevilla“

„Ohne Bart ist ein Mann nicht richtig angezogen“, soll Salvador Dalí einmal gesagt haben. Womit der surrealistische Maler natürlich seinen exzentrischen Schnurrbart meinte. Heute liegt der „Dalí“ ebenso im Trend wie der „Chin Puff“ (der Bart für Einsteiger: cool), der „Sou Patch“ (Unterlippenbart: klein, aber fein), der ZZ-Bart (je länger, desto hipper) oder der durchgestylte Vollbart mit Moustache (sehr edel). Kurz gesagt: Bart ist wieder in. Und weil Mann sich sein Gesichtshaar gerne pflegen lässt, erlebt eine fast in Vergessenheit geratene Zunft ihr großes Revival: die Barbiere sind zurück!

Vom Wunderarzt zum Herrenfriseur

Deren Geschichte reicht zurück bis in die Vorzeit. Ausgrabungen in China, Kleinasien und Mittelamerika haben bewiesen, dass dort schon um 4.000 vor Christus kunstfertige Hände am Werke waren, die den kultivierten Zeitgenossen das Haupthaar schoren, glätteten, wellten und die modebewussten Herren vom Bart befreiten oder ihn auf die richtige Länge trimmten. Noch bis ins 17. Jahrhundert betätigten sich Barbiere auch als Wundärzte und Naturheiler. Sie versorgten Wunden und Knochenbrüche, zogen Zähne, ließen zur Ader, setzten Schröpfköpfe und Blutegel oder stellten Salben her. Doch dann kamen die Ärzte und nahmen den Barbieren die Krankenheilung ab. Als gegen Ende des 19. Jahrhunderts zuerst der Rasierhobel und später der elektrische Rasierapparat erfunden wurde, verschwanden erst die Bärte und dann die klassischen Barbiere. Was blieb, sind die (Herren-)Friseure. Nur auf Englisch heißt der Friseur auch heute noch „barber“ und der Friseursalon „barber shop“.

Rossini recycelt 

Gioachino Rossini hat dem Barbier in seiner wahrscheinlich berühmtesten Oper ein immerwährendes Denkmal gesetzt. Dass der Komponist ausgerechnet ihn in den Mittelpunkt stellte, haben wir Beaumarchais zu verdanken. Der erdichtete nämlich im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts seine Figaro-Trilogie: „Der Barbier von Sevilla oder Die nutzlose Vorsicht“ (1775), „Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit“ (1784) und „Die Schuld der Mutter oder Ein zweiter Tartuffe“ (1792). Rossini arbeitete den Stoff um den schlauen und einfallsreichen Lebenskünstler der seinen Kunden auch in Herzensangelegenheiten zur Seite steht, virtuos zu einer Opera buffa um – mit all den wunderbaren Ingredienzen, über die er als Komponist verfügte. Einer ordentlichen Portion genialer Komödiantik mengte Rossini sprühende Melodik und rhythmische Raffinesse bei, komponierte den Sängern prestige- und koloraturreiche Arien in die Kehle und kredenzte dem Orchester üppige Zwischenmusiken. Will man seinen Erzählungen Glauben schenken, dann brauchte er für dieses herrliche Gericht keine 30 Tage. Das Damoklesschwert der Abgabefrist stets im Nacken, plünderte Rossini für den „Barbier“ gleich mehrere seiner Werke. Die berühmte Ouvertüre etwa recycelte er dreimal. Sie eröffnet das Singspiel „Elisabetta“ und ist selbst dort nur die Überarbeitung des Vorspiels zu „Aurelio in Palmira“. Doch erst mit dem „Barbier“ wurde sie zum Hit.

Eine Katze zum Finale

Dabei war das Bühnenstück von Beaumarchais bereits zehnmal vertont worden, bevor Rossini auch nur eine Note komponiert hatte. Berühmt wurde es vor allem in der Vertonung Giovanni Paisiellos von 1782. Die Uraufführung von Rossinis „Barbier“ am 20. Februar 1816 am Teatro Argentina in Rom war demnach ein grandioser Misserfolg. Die Anhänger Paisiellos füllten das Theater und machten keinen Hehl daraus, was sie von Rossinis Werk hielten: Sie buhten, pfiffen und zischten es aus. Rossini, der die Aufführung selbst dirigierte, musste hilflos mitansehen, wie der Abend sich zu einer riesengroßen Katastrophe ausweitete. Schon beim Erscheinen des Komponisten im nussbraunen Gehrock mit Goldknöpfen nach spanischer Art soll spöttisches Gelächter ausgebrochen sein. Als dann Basilio in ebenso exotischer Aufmachung auf die Bühne kam, stolperte er über eine Falltür und brach sich beinahe die Nase, während dem Grafen Almaviva beim Anspielen der Cavatina eine Saite seiner Gitarre riss. Schließlich lief im Finale auch noch eine Katze über die Bühne und machte so das Fiasko komplett: „Der ausgezeichnete Figaro, Zamboni, jagte sie auf der einen Seite hinaus, worauf sie auf der anderen wieder erschien und dem Bartolo, Botticelli, auf die Arme sprang… Die gütige Zuhörerschaft rief dem Tier zu, ahmte das Miauen nach und ermutigte es mit Wort und Geste, seine improvisierte Rolle weiterzuspielen…“.

Doch der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Schon die zweite Aufführung verwandelte die anfängliche Niederlage in einen Triumph. Und vielleicht hat der Skandal Rossini letztlich sogar genützt: Mit dem „Barbier“ wurde er in ganz Europa berühmt. Und Figaro wurde – im Gegensatz zu Sweeney Todd, dem mörderischen Vertreter seiner Zunft – zum Prototypen des fingerfertigen Handwerkers, der zugleich flüsternder Verführer, eitle Plaudertasche, Partner in Crime ist. Die Besitzer des kultigen Brothers’ Barbershop in Wien halten es gar ähnlich wie Rossinis Tausendsassa Figaro: „Unsere Barbiere müssen nicht nur ihr Handwerk verstehen, sondern auch bester Freund, Barmann und Wissenschaftler sein“.

Also, Männer, ran an den Bart!

Von Miriam Damev

Der Barbier von Sevilla
Komische Oper in zwei Akten von Gioachino Rossini (1792–1868)
Wiederaufnahme am 7. Jänner 2017
Weitere Vorstellungen am 10., 17., 24. Jänner,
3., 8., 16., 27. Februar, 6. März 2017