„Vater, zerstört hab’ ich des Bruders Bild für alle Zeit in deiner Seele!“

Zur Neuproduktion von Giuseppe Verdis "Die Räuber" in der Inszenierung von Alexander Schulin

Text von Helene Sommer

Genau 116 Jahre sollte es nach der Uraufführung von Giuseppe Verdis Oper "I masnadieri" dauern, ehe das Werk erstmals in Österreich – und zwar an der Volksoper – aufgeführt wurde. Die Produktion von 1963 wurde bis 1970 29-mal gespielt. Im Oktober 2017 feiert die zweite Inszenierung von Verdis "Die Räuber" Premiere an unserem Haus.

Das Regieteam um Alexander Schulin beim Konzeptionsgespräch zur Neuproduktion "Die Räuber"

„Explosion der Jugend“

Die Kraft von Schillers Jugendwerk überzeugte Giuseppe Verdi. Bei einem Kuraufenthalt im Sommer 1846 im Veneto fasste er den Entschluss, seine Vertonung von Byrons "The Corsair" vorerst aufzuschieben und sich zwei Stoffe von Shakespeare und Schiller vorzunehmen: "Macbeth" und "Die Räuber". Die Idee dazu entstand wohl in Gesprächen mit Verdis Freund Andrea Maffei, der sein Kurgenosse war und Shakespeare und Schiller ins Italienische übersetzt hatte. Maffei war es auch, der Schillers Drama als Opernlibretto einrichtete.

Uraufführung in London: „bietifol“!

Ort der Uraufführung wurde das Haymarket Theatre in London, dessen Intendant Lumley an Verdi einen Kompositionsauftrag vergeben hatte – eine seltene Auszeichnung, war doch Carl Maria von Weber 1826 mit seinem "Oberon" der letzte ausländische Komponist gewesen, der für London eine Oper schreiben durfte. Gleichwohl war Verdi auch hier eine Berühmtheit, man kannte in London das Repertoire der Kontinentaleuropäer. Also musste sich Verdi den Vergleich mit Saverio Mercadantes Oper "I briganti" von 1836, ebenfalls nach Schiller, gefallen lassen. Zur Abgrenzung von Mercadante verwendete Verdi den Titel "I masnadieri", was wörtlich „Halunken“ oder „Banditen“ bedeutet. Bei der Uraufführung am 22. Juli 1847 stand Verdi selbst am Dirigentenpult, und zwar mit einem Taktstock in der Hand – damals eine ungewöhnliche Neuerung. In Italien wurde das Orchester noch vom Konzertmeisterpult aus geleitet, während die Sänger ihre Einsätze vom Souffleur bekamen. Bei der Premiere anwesend war Königin Victoria, die ihrem Tagebuch anvertraute, dass sie Verdis Musik weit schwächer und platter“ fand als die Mercadantes.

Verdis Faktotum Emanuele Muzio vermeldete – ganz im Gegensatz zu den eher verhaltenen Kommentaren der Königin – einen großen Erfolg und bemühte auch sein mangelhaftes Englisch: „Der Maestro wurde gefeiert, auf die Bühne gerufen, allein und mit den Darstellern, es wurden ihm Blumen zugeworfen, und man hörte nichts als: es lebe Verdi! bietifol“!

Dirigent Jac van Steen beim Konzeptionsgespräch zur Neuproduktion "Die Räuber"

„Und nun zum Schafott!“

Bei der Umarbeitung des Dramas in eine Opernhandlung setzte Maffei den Schwerpunkt auf die Familientragödie und reduzierte vor allem die Intrigen der Räuber (so ist etwa die wichtige Figur des Spiegelberg, der gegen Karl als Hauptmann meutern will, gestrichen). Der zentrale Konflikt der Oper ist somit die Beziehung des übermächtigen, dabei ungerechten Vaters zu seinen Söhnen: Karl, der ältere, ist durch eine Intrige seines Bruders Franz beim Vater Maximilian in Ungnade gefallen und hat sich einer Räuberbande angeschlossen. Franz vereitelt auch Karls Versuch, sich mit dem Vater zu versöhnen. Karl zieht von nun an als Räuberhauptmann durch die Wälder. Franz hingegen greift skrupellos nach der Macht: Er lässt den Vater glauben, Karl sei tot, und rechnet damit, dass dieser die Nachricht nicht überleben würde. Maximilian stirbt nicht, Franz sperrt ihn, den die anderen für tot halten, in einen Turm. Karls Verlobte Amalia, die wie eine Tochter im Haus Maximilians aufgewachsen ist, fällt den Rivalitäten und Konflikten der Männer zum Opfer. Als Franz’ Machenschaften endlich aufgedeckt werden, ist ein glückliches Ende unmöglich geworden. Im Gegensatz zu Schillers Drama, in dem Franz sich mit einer Hutschnur erdrosselt, kann die „Kanaille“ in Verdis Oper vor den Räubern fliehen und kommt (wie später Jago) mit dem Leben davon. Auch das Detail, dass sich Karl am Ende einem Tagelöhner ausliefert, damit dieser das Kopfgeld für seine elf Kinder bekommt, ist bei Verdi und Maffei weggelassen. Verdis Oper endet lapidar mit Amalias entsetzlichem Tod von Karls Hand und mit Karls Ausruf: „Und nun zum Schafott!“

Familientragödie voller Einsamkeit

Die Tatsache, dass die Oper von vielen aufeinander folgenden Soloszenen geprägt ist, wurde oftmals als Schwäche des Librettos ausgelegt; dabei verdeutlicht dieser Aufbau des Stücks die unendliche Einsamkeit der Protagonisten, die nicht zueinander finden können. Schlimmer noch: die Vereinzelung der Figuren geht so weit, dass sie ihre engsten Verwandten und Vertrauten nicht erkennen. Amalia erkennt Karl nicht, als sie ihm im Wald begegnet, der Vater erkennt seinen Lieblingssohn nicht. Zu einer Konfrontation der rivalisierenden Brüder kommt es erst gar nicht. Der Regisseur Alexander Schulin hat mit der Bühnenbildnerin Bettina Meyer und der Kostümbildnerin Bettina Walter ein Konzept entworfen, in dem der Familienkonflikt mit bestechender Klarheit zugespitzt wird. So bildet Maximilians Haus das Zentrum des Geschehens, auf das sich die „Kinder“ (einschließlich Amalia) beziehen und wo über Zugehörigkeit und Fremdheit entschieden wird. Die musikalische Leitung der Neuproduktion übernimmt Jac van Steen, der in der vergangenen Saison höchst erfolgreich die konzertanten Aufführungen von Korngolds "Das Wunder der Heliane" dirigiert hat. In der Rolle des Grafen Moor wird erneut Kurt Rydl an unserem Haus zu erleben sein; alternativ ist Andreas Mitschke besetzt. Als Franz wird der Bariton Boaz Daniel, Ensemblemitglied der Staatsoper, zu hören sein. Er hat bereits im Jahr 2000 als Don Giovanni an der Volksoper debütiert. Mit ihm alterniert Alik Abdukayumov als Bösewicht. Die Rolle des Karl übernimmt Vincent Schirrmacher, abwechselnd mit Mehrzad Montazeri, Anja-Nina Bahrmann verkörpert die Amalia, alternierend mit der ukrainischen Sopranistin und Hausdebütantin Sofia Soloviy.

Text: Helene Sommer

Öffentliche Generalprobe am 12. Oktober 2017, 10:00 Uhr
Premiere am Samstag, 14. Oktober 2017

Weitere Vorstellungen am 18., 22., 27., 30. Oktober, 1., 8., 15., 23., 29. November, 7., 11. Dezember 2017

Werkeinführung mit Helene Sommer jeweils eine halbe Stunde vor Beginn der Vorstellung (Premiere ausgenommen) im Galerie-Foyer

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