Die Hochzeit des Figaro

Als am Abend des 27. April 1784 das adelige Publikum in die ehrwürdigen Gemäuer der Comédie Française strömte, um der Uraufführung der Komödie "La folle Journée ou Le Mariage de Figaro" beizuwohnen, ahnten die Damen und Herren mit ihren gepuderten Perücken und pompösen Roben nicht, dass sie Zeugen eines der tollsten Tage in der französischen Theatergeschichte werden sollten. Unter ihnen saß erschöpft, aber hochzufrieden auch der Verfasser selbst, Pierre Augustin Caron de Beaumarchais. Endlich war es ihm nach langwierigen Kämpfen mit der Zensur gelungen, den explosiven Stoff an die Öffentlichkeit zu bringen. Entgegen aller Erwartungen tobte Frankreichs Hofgesellschaft vor Begeisterung über ein Stück, das den Adel lächerlich machte, die Obrigkeit attackierte, die Justiz beleidigte oder soziale Forderungen zum Ausdruck brachte. Warum eigentlich? Ist es doch in den seltensten Fällen angenehm, den eigenen Spiegel so schonungslos vorgehalten zu bekommen.

Beaumarchais ein Revolutionär? 

Zur selben Zeit als Beaumarchais seinen "Figaro" niederschrieb, brodelte es längst gewaltig hinter den Kulissen des Ancien Régime. Seine Skandalgeschichte rund um die heuchlerische Falschheit des Grafen, der öffentlich dem feudalen „ius primae noctis“ entsagt, es aber bei Susanna ganz unverhohlen einfordert und schließlich von seinen Untertanten moralisch in die Knie gezwungen wird, war nicht nur perfekt inszeniert. Sie war politisch und gesellschaftlich brisant und hochaktuell. „Nein, Herr Graf“, empört sich dort Figaro, „Sie bekommen sie nicht. Weil Sie ein großer Herr sind, halten Sie sich für einen großen Geist … Adel, Reichtum, ein hoher Rang, Würden, das macht so stolz! Was haben Sie denn getan, um so viele Vorzüge zu verdienen? Sie machten sich die Mühe, auf die Welt zu kommen, weiter nichts; im Übrigen sind Sie ein ganz gewöhnlicher Mensch.“

War Beaumarchais ein Revolutionär? Keineswegs! Wie sonst wäre der kometenhafte Aufstieg des Uhrmachersohnes möglich gewesen? Schon seine Biographie gäbe genug Stoff für ein Libretto her. Mit Opportunismus und geschickter Diplomatie gelang es Beaumarchais bis in die höchsten Adelskreise vorzudringen. Der Autor des "Figaro" war skrupelloser Unternehmer, Waffenschmuggler, Politiker und Geheimagent, Familienvater und Casanova, Verleger und nicht zuletzt Schriftsteller. Beaumarchais war beides: ein bürgerlicher Emporkömmling und ein Mann des Hofes. Heute würde man ihn wahrscheinlich ein PR-Genie in eigener Sache nennen. Ein Umsturz des Regimes lag ihm ebenso fern wie der Abriss der Bastille. „Beaumarchais war kein Revolutionär im technischen Sinn, aber er erzielte einen revolutionären Effekt in einer vorrevolutionären Situation, als der Autoritätsverlust und die Delegitimierung des Ancien Régime schon weit fortgeschritten waren“, so der Historiker Wolfgang Mantl. „In dem Werk, das ich verteidige, werden nicht die Stände, sondern der Missbrauch eines jeden Standes angegriffen“, schreibt Beaumarchais selbst. Ein Akt wider die Willkür der feudalen Aristokratie. Dass das Werk in höchsten und allerhöchsten Kreisen herumgereicht, gelesen und gespielt wurde, dürfte dem genialen Multitalent zudem geschmeichelt haben.

Auch im josephinischen Wien war Beaumarchais’ Drama längst in allen Salons verbreitet, als Mozart es in die Hände bekam und darin das Potential für einen gelungenen Opernplot erkannte. Er ließ Da Ponte ein geeignetes Libretto schreiben, und glaubt man dem Bericht des Librettisten, war die Arbeit an "Le nozze di Figaro" nach nur sechs Wochen beendet. Es war die erste und einzige Oper, die Mozart ohne Auftrag komponierte: ein kühnes Unterfangen, zumal Joseph II. den "Figaro" als Schauspiel kurz davor verboten hatte, nicht aber den Druck desselben, frei nach Beaumarchais’ Zitat, dass „gedruckte Dummheiten nur da einen Werth haben, wo man ihren freyen Umlauf hindert“. Auch zur Aufführung in musikalischer Form gab der Kaiser seine Zustimmung – wahrscheinlich aus politischem Kalkül, schließlich propagierte das Stück, was wesentlicher Teil der josephinischen Reformpolitik war: die Abschaffung der Privilegien, die Aufhebung der Leibeigenschaft und die rechtliche Gleichstellung aller Untertanen.

Die Liebe, eine Utopie?

Am 1. Mai 1786 wurden "Le nozze di Figaro" im Wiener Hoftheater unter der Leitung des Komponisten, im Beisein des Kaisers uraufgeführt. Und während nur drei Jahre später die Bürger von Paris der Bourbonen-Monarchie ein blutiges Ende bereiteten, blieb es in Wien ruhig. Zu ruhig? In der Zeit, als "Figaro" entstand, wurden revolutionäre Ideen in Europa zum integralen Bestandteil des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Auch Mozart war kein politischer Revolutionär. Aber er war ein Kind seiner Zeit, und so ist es nicht verwunderlich, dass er sich den Idealen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit verpflichtet fühlte. "Le nozze di Figaro" enthält viele Provokationen. Gewiss werden die komische Intrige und die Frivolität des Stoffes Mozart gereizt haben. Neben dem revolutionären Geist des Werks schuf er mit seiner Musik berührende Charaktere, die mit menschlichen, allzumenschlichen Problemen zu kämpfen haben: Leidenschaften und Amouren, gesellschaftliche und erotische Sehnsüchte, Niederlagen und Siege der Liebe. Und wenn zum Schluss der entlarvte Graf vor seiner Frau auf die Knie fällt, schenkt uns Mozart einen Augenblick wahrhafter Versöhnung. Eine Utopie, die bis heute keine Revolution erreichen konnte. 

Von Miriam Damev