Manege frei für Mister X


Dramaturgin Helene Sommer zur Premiere von E
mmerich Kálmáns Operette "Die Zirkusprinzessin" am 9. Dezember 2016 

„Für mich ist die Zirkuskunst die höchste aller Künste überhaupt. Die Kraft ihrer Möglichkeiten ist geradezu grenzenlos. Sie gibt mir mehr als der Gesang, der Tanz und das Schauspiel zusammen“, schrieb Honoré de Balzac.
Emmerich Kálmán nahm die wundersam schillernde Zirkuswelt als Kulisse für seine Operette aus dem Jahr 1926, das Nachfolgewerk des Welterfolgs "Gräfin Mariza". Mit der "Zirkusprinzessin" schuf er gewissermaßen die größtmögliche Kompilation darstellender Künste: Zirkus, Gesang, Tanz und Schauspiel an einem Abend. Schauplatz ist Moskau, wo der Zirkus nicht in erster Linie von fahrendem Volk betrieben, sondern in opulenten, feststehenden Zirkusgebäuden zum Besten gegeben wurde. Damit hatte diese Kunstform buchstäblich einen festen Platz im Kulturleben der Stadt – und hat ihn bis heute. Das Russland der Zarenzeit zwischen Hochadel und Zirkusartisten bietet freilich eine fantasievolle und exotistische Kulisse für eine Operette. Diese entfaltete sich Mitte der 1920er Jahre vor den Augen eines Wiener Publikums, das für ein paar Stunden die Augen abwenden durfte von der Kulisse seines Alltags, geprägt von Inflation, Arbeitslosigkeit, Bettlern, Elendsquartieren und Streiks. Hier konnte es eintauchen in die Pracht einer untergegangenen (Fantasie-)Welt.



Carsten Süss (Mister X) bei der Anprobe

Tassilo und Hanna vs. Ollendorf

Mittelpunkt dieses fiktiven Zirkus ist der geheimnisvolle Mister X, dessen Bravourakt so halsbrecherisch ist, dass keine Operetteninszenierung davon träumen kann, ihn realistisch umzusetzen: Er stürzt sich aus der schwindelnden Höhe der Zirkuskuppel auf sein Pferd – nachdem er dort oben eine Romanze auf seiner Geige zum Besten gegeben hat. Darüber hinaus ist Mister X ein Schicksalsgenosse des Grafen Tassilo aus Gräfin Mariza, denn auch er hat seinen Adel abgelegt und verdient nun unter falschem Namen Geld. Doch während Tassilos Schicksal zeittypisch eine Folge der Wirren des Ersten Weltkriegs ist, so ist die Geschichte des Mister X, wie auch sein Zirkusakt, einer Märchenwelt entlehnt: Weil er die schöne Braut seines Onkels verehrt hat, wurde er versetzt und enterbt. Seine geliebte Fedora ist in der Zwischenzeit die lustige Witwe des Onkels und hat damit ebenso eine Operettenschwester im Geiste: Wie Hanna Glawari wird auch sie vom Landesvater ermahnt, wieder zu heiraten, damit ihre Millionen dem Vaterlande erhalten bleiben. Doch im Unterschied zu Hanna begegnet sie in Mister X nicht ihrem ehemaligen Liebhaber wieder; ihr Beau ist ein Unbekannter für sie. Er will mit ihr eine Rechnung begleichen, da er ihr eine Mitschuld an seinem Schicksal gibt – oder eigentlich zwei Rechnungen, denn er liebt sie noch immer. In die zart-bitteren Bande der beiden mischt sich ein eifersüchtiger Dritter, der ebenfalls mit älteren Operettenkollegen verwandt ist: Prinz Sergius Wladimir hat ein wenig von Fürst Populescu und recht viel von Oberst Ollendorf in Millöckers Der Bettelstudent geerbt. Er hätte Fedora gerne selbst, da er sie aber nicht kriegt, fädelt er eine Ehe unter falschen Vorzeichen ein und stellt sie als Zirkusprinzessin bloß. Sein Plan geht im Finale des zweiten Akts auf, Fedora ist blamiert, Mister X als Fedja Palinski entlarvt. Prinz Sergius hat seine Rache, ebenso wie Mister X, der im Lauf der Operette drei Identitäten hat: ein Adliger von Geburt, der sich als anonymer Zirkusartist verdingt und als (falscher) Adeliger ausgegeben wird. Dabei ist Mister X beileibe nicht der einzige in dieser schillernden Zirkuswelt, der nicht ist, wer er zu sein scheint. Die englische Hundedresseurin Miss Mable Gibson ist eigentlich eine Wienerin. Und wenn Toni Schlumberger sich in Petersburg als Sohn des Erzherzogs Karl vorstellt, lügt er zwar nicht, meint aber nur das gleichnamige Hotel in Wien – und schon erwächst aus dem Missverständnis eine falsche Identität. Im genannten Hotel werden im dritten Akt alle Handlungsfäden der Operette unter den wachsamen Augen der Hotelbesitzerin Carla Schlumberger und ihres Faktotums Pelikan zu Ende gesponnen.

„Unerhörte Ekstase der Aufmachung“

Das Theater an der Wien, für das Kálmán seine "Zirkusprinzessinkomponierte, war Mitte der 1920er Jahre ein orgiastischer Tempel der Operette. Den finanziellen Problemen, mit denen die Theater in diesem Jahrzehnt zu kämpfen hatten, begegnete das Haus der leichten Muse nicht mit Sparmaßnahmen – im Gegenteil: „Theaterdirektoren wie Hubert Marischka lösten ihre finanziellen Probleme durch leichtsinnig-verschwenderische, luxuriöse Inszenierungen“, so Martin Lichtfuss, Experte in Sachen Operette in der Zwischenkriegszeit. Die Philosophie war offenbar, das Elend vor den Toren des Theaters mit Glanz und Luxus auf der Bühne zu kompensieren. Und das Konzept ging auf: "Gräfin Mariza", am 28. Februar 1924 uraufgeführt, erreichte bereits im Dezember desselben Jahres die 300. Aufführung. Zu diesem Anlass schrieb die Zeitschrift Bühne: „Hier [im Theater an der Wien] hat man die freigiebige Hand für Ausstattung, für Glanz und Farbe, für prachtvolle Kostüme, auch verfügt man über die Stars des Operettenhimmels“. Zu ebendiesen gehörte Hubert Marischka, der Direktor persönlich, der am 26. März 1926 als Mister X in der Uraufführung der Zirkusprinzessin triumphierte. Er zeichnete außerdem für die Regie verantwortlich. Die Kritiken waren hymnisch, in der Wiener Allgemeinen Zeitung wurde Marischka zum „Reinhardt seines Gebiets“ ernannt, das Theater an der Wien zum „Bayreuth der Operette“. Der Kritiker schwärmte von der „Orgie der Kostüme“ und der „unerhörten Ekstase der Aufmachung“. 

Die Uraufführung muss ein rauschendes Fest gewesen sein, samt Revue-Mäderln im (spärlichen) Trikot, auf Beinen „wie aus Marzipan“, mit der stets prachtvoll kostümierten Betty Fischer als Fedora, der lasziven Elsie Altmann als Miss Mabel Gibson sowie Hans Moser in der Rolle des Pelikan. Wie orgiastisch diese Produktion gewesen sein muss, lässt das folgende Zitat des Journalisten und Schriftstellers Ludwig Hirschfeld erahnen; er beschrieb 1927 das Geheimnis von Marischkas Erfolg so: „Die richtige Mischung von Dekorations- und Kostümluxus, jungen Frauen, alten Witzen, Toilettenmangel und Busenüberfluß. Dazu noch Girls, Tänze, Schlager, alles was der heutige Sinn begehrt. […] Denn bei aller Hochachtung vor der alten Burgtheaterkultur: die junge Busenkultur ist auch nicht zu verachten.“ Die Opulenz auf der Bühne unterstrich noch Kálmáns üppige Musik: vom Shimmy-Blues „Wenn du mich sitzen lässt“ über das romantische Walzerduett „Süßeste von allen Frauen“, den russischen Brauttanz im Finale des zweiten Akts bis zum Wienerlied „Nimmt man Abschied von dieser Stadt“ – und nicht zuletzt die Auftrittsarie des Mister X, „Wieder hinaus ins strahlende Licht“, die Stefan Frey als das „Operettenpendant zu Leoncavallos ‚Lache, Bajazzo‘“ bezeichnet hat: „Dessen Textanfang und -ende bezeichnet programmatisch die Pole, an denen Operette oszilliert: ‚Wenn man das Leben durchs Champagnerglas betrachtet‘ – und ‚Du süßes Märchen: Es war einmal!‘“ Die musikalische Umsetzung der Neuinszenierung an der Volksoper liegt in den kundigen Händen von Alfred Eschwé. Regisseur Thomas Enzinger, frischgebackener Intendant des Lehár-Festivals Bad Ischl, hat an der Volksoper mit "Wiener Blut" und "Gräfin Mariza" bereits zwei opulente Operetteninszenierungen vorgelegt. Den intriganten Prinzen Sergius gibt Kurt Schreibmayer, als Pelikan ist Direktor Robert Meyer zu erleben. Die Hauptrollen spielen Astrid Kessler und Carsten Süss, die bereits als Mariza und Tassilo begeistert haben.