Von Mördern und Schlitzohren

Was haben ein sinistrer Kapitän und ein pfiffiger Testamentsfälscher miteinander zu tun? Beide sind sie Hauptfiguren in Einaktern von Giacomo Puccini, die ab Oktober wieder an der Volksoper zu erleben sind.

Melba Ramos (Giorgetta) in „Der Mantel" © Dimo Dimov

Vor bald hundert Jahren, am 14. Dezember 1918, wurde „Il Trittico“ an der New Yorker Metropolitan Opera uraufgeführt. Zu Puccinis Leidwesen – aber zur Freude des Publikums – hat es sich bald eingebürgert, die einzelnen Werke auch mit Kurz-Opern anderer Komponisten zu kombinieren oder aber das sentimentale Mittelstück „Suor Angelica“ auszulassen. So hielt es auch die Volksoper mit ihrer Neuproduktion des Jahres 2011, bei der Direktor Robert Meyer seine erste Opernregie am Hause (nach der Operette „Die lustigen Nibelungen“ und der Pop-Oper „Antonia und der Reißteufel“) schuf. Die Kritik bescheinigte ihm „ein gelungenes Debüt mit Thriller und Lustspiel“. Der Kontrast zwischen den beiden Teilen des Abends könnte nicht größer sein. Für „Der Mantel“ („Il tabarro“), basierend auf einem Kolportagereißer im Milieu der Seine-Schiffer, bediente sich Puccini noch einmal virtuos der Mittel veristischen Theaters à la Tosca. Realistische Genre-Schilderungen, die krasse Dissonanzen nicht scheuen, wechseln mit schwelgerischen Liebesduetten und blanker Brutalität. Als ein Liederverkäufer am Seine-Ufer vorüberzieht, zitiert Puccini augenzwinkernd aus einem früheren Welterfolg: der Paris-Oper „La Bohème“.


Martin Winkler als Gianni Schicchi © Dimo Dimov

„Ich möchte so gerne lachen …“

Der in tragischen Liebesgeschichten und Schauerdramen versierte Meister nahm sich aber auch etwas ganz Neues vor: „Kennen Sie nicht irgendeinen grotesken Roman oder eine Geschichte oder ein Theaterstück, in denen es wirklich lustig zugeht? Ich möchte so gerne lachen und andere Leute zum Lachen bringen“, schrieb Puccini schon im Jahre 1911 an Sybil Seligman. Der überaus tüchtige Librettist Giovacchino Forzano griff auf Dantes „Divina commedia“ zurück: Im XXX. Gesang des Inferno fand sich die Geschichte des Gianni Schicchi dei Cavalcanti, der im Florenz des 13. Jahrhunderts durch Testamentsfälschung ein Vermögen erschlichen hat. Der Einakter, mitten im Ersten Weltkrieg komponiert, wurde ein Spaß mit Widerhaken, über Bosheit und Habgier, mit deutlicher Sozialkritik. Puccinis letzte Oper war „Turandot“; seine letzte vollendete Oper jedoch war (wie der „Falstaff“ des großen Vorgängers Verdi) eine Komödie. Und im letzten selbst ausgeführten Finale, jenem des „Gianni Schicchi“, feiert Puccini seine toskanische Heimat, die Liebe, die nur er in dieser Süße zum Klingen bringen konnte, und nicht zuletzt: die Kraft des Humors.