Errichtung eines Gedenksteins vor der Volksoper

Zum Gedenken an die Mitglieder der Volksoper Wien, die zwischen 1938 und 1945 verfolgt, vertrieben und ermordet wurden, errichtete die Volksoper Wien gestern, Donnerstag, den 27. Juni 2019 einen Gedenkstein vor dem Haupteingang.

An der interreligiösen Gedenkfeier nahmen Pfarrer Michael Chalupka (designierter Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich, Geschäftsführung Diakonie Bildung), Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister (Israelitische Kultusgemeinde Wien) und Weihbischof Franz Scharl, (Erzdiözese Wien) teil und mahnten in ihren Ansprachen die Bedeutung des Erinnerns ein.

Robert Meyer erinnerte in seiner Einleitung daran, wie viele Künstlerinnen und Künstler gerade in der Operette Juden waren und deshalb von den Nazis verfolgt und ermordet wurden. Nicht zuletzt deshalb sei es die Verantwortung der Volksoper, an deren Schicksale zu erinnern und ihre Geschichte zurück an die Volksoper zu bringen.

Für Christoph Ladstätter stellte sich die Frage: „Wie können wir jenen, die hier gearbeitet haben und denen unglaubliches Unrecht angetan wurde, ein Gedächtnis schaffen und ihnen ihre Würde wiedergeben. Das ist eine Erinnerungsarbeit, der wir uns mit dem Buch und dem Gedenkstein unbedingt stellen wollten. Wir machen das im Gedenken an diese Menschen.“

„Gedenken und Erinnern hat immer nur dann einen Wert, wenn aus den geschichtlichen Erfahrungen auch die richtigen Lehren für die Gegenwart gezogen werden. Um das zu erreichen sind historische Vergleiche nicht nur erlaubt, sondern unverzichtbar“, betonte Gemeinderabbiner Mag. Schlomo Hofmeister.

Pfarrer Michael Chalupka unterstrich, dass es „auch heute gälte wachsam zu sein gegenüber Entwicklungen, durch die Menschen ausgegrenzt und zu Opfern gemacht werden“. Er verwies auch auf das gemeinsame Engagement der Volksoper und des Diakonie Flüchtlingsdienstes für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge.

Weihbischof Franz Scharl betonte: „Die Errichtung dieses Gedenksteines soll aus dem Fluss der Zeit und des Vergessens herausragen und unsere Widerständigkeit anzeigen, indem wir uns erinnern und indem sich andere und die nach uns kommen, aktiv erinnern können, sollen und müssen!“

Die Volksoper Wien hat den 120. Geburtstag des Hauses und das Gedenkjahr 2018 zum Anlass genommen worden, das Buch „Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt“. Aus der Volksoper vertrieben – Künstlerschicksale 1938 von Dr. Marie-Theres Arnbom herauszugeben. Durch intensive Gespräche der Autorin mit Nachkommen und umfangreiche Recherche in Archivbeständen haben die Biografien jener Mitglieder, die Opfer des NS-Terrors wurden, wieder an die Volksoper zurückgefunden. Der Gedenkstein vor dem Haupteingang der Volksoper ist dafür ein äußerlich sichtbares Zeichen.


Besonders freuten wir uns, dass Nachkommen von Volksopernmitgliedern, deren Biografie in dem Buch beschrieben wird, an der interreligiösen Einweihung des Gedenksteins teilnahmen.

Henry Krips, Sohn von Volksopern-Kapellmeister Heinrich Krips, der nach Australien flüchtete und dort musikalische Pionierarbeit leistete.

Klaus Lederer, stellvertretend für seine Frau Margit Lederer, Großcousine des Volksopern-Konzertmeisters Fritz Brunner und der Sopranistin Paula Bäck. Das Paar flüchtete mit Tochter Greta in die vermeintliche Sicherheit nach Belgien. Fritz Brunner wurde 1940 in das Konzentrationslager Gurs-Frankreich deportiert. Paula Bäck und Tochter Greta überlebten in einem Versteck in Brüssel. Erst 1946 fand die Familie wieder zusammen. Dr. Margit Lederer hat von der Existenz ihrer Großcousine Greta Brunner-Staudt durch einen Zeitungsartikel über das Buch von Marie-Theres Arnbom erfahren. Die beiden Cousinen sind nun in Kontakt 

Musikalisches Rahmenprogramm:

Bettina Gradinger, Natalija Isakovic (Violine), Aurore Nozomi Cany (Viola) und Michael Williams (Violoncello) spielen Werke von Alexander von Zemlinsky und Erwin Schulhoff.

Statement Robert Meyer

Wir wissen nicht, sagt Robert Meyer, wie viele jüdischen Kolleginnen und Kollegen ab März 1938 von den Nationalsozialisten verfolgt, vertrieben und ermordet wurden. Es waren unter ihnen Orchestermusiker, Librettisten, Direktoren, Dirigenten, Sängerinnen und Mitarbeiter. 30 Schicksale hat Marie-Theres Arnbom in dem Buch „Ihre Dienste werden nicht mehr benötigt. Aus der Volksoper vertrieben – Künstlerschicksale 1938“ erzählt und damit dem Vergessen entrissen. Der Gedenkstein vor dem Haupteingang der Volksoper soll uns an unsere Kolleginnen und Kollegen erinnern, die den Gräuel des NS-Terrors zum Opfer fielen. Ihr Schicksal darf niemals vergessen werden.

Statement Mag. Christoph Ladstätter

In der Jubiläumssaison 2018/19 – 120 Jahre Volksoper gedenken wir der vielen Mitglieder der Volksoper die in der dunkelsten Zeit unserer Geschichte, in den Jahren 1938 bis 1945, vertrieben, verfolgt und auch ermordet wurden. Der Stein vor unserem Haus soll Ausdruck unseres Anliegens sein, niemals zu vergessen und derartige Entwicklungen niemals wieder zuzulassen.

Statement Pfarrer Mag. Michael Chalupka

Michael Chalupka erinnert anlässlich der Segnung an die Stellungnahme der evangelischen Kirche aus dem Jahr 2008, in der sich die Evangelischen Kirchen ihrer Verstrickungen in der dunklen Zeit der Geschichte Österreichs bewusst waren und sich dazu bekannten, dass auch sie vor allem gegenüber ihren jüdischen Mitbürgern und Mitbürgerinnen Schuld auf sich geladen haben. Das Gedenken muss alle Opfer von Nationalsozialismus und Krieg einschließen. Deshalb ist auch die Gedenkfeier und die Aufarbeitung der Geschichte der Volksoper so wichtig. Auch heute gilt es wachsam zu sein gegenüber Entwicklungen, durch die Menschen ausgegrenzt und zu Opfern gemacht werden.

Statement Gemeinderabbiner Mag. Schlomo Hofmeister

Historischer Tragödien und Greueltaten zu gedenken, darf weder der Erinnerung zum Selbstzweck dienen, noch der ostentativen Reue und Anerkennung einer „nationalen Erbschuld“ um sich und sein eigenes Agieren auf der Bühne des politischen Theaters geläutert zu geben. Gedenken und Erinnern hat immer nur dann einen Wert, wenn aus den geschichtlichen Erfahrungen auch die richtigen Lehren für die Gegenwart gezogen werden. Um das zu erreichen sind historische Vergleiche nicht nur erlaubt, sondern unverzichtbar. Wer sich dem verwehrt, beleidigt und missbraucht die Ehre all jener Menschen, die in der Vergangenheit Opfer gesellschaftlich tolerierter und politisch sanktionierter Ungerechtigkeit, Verleumdung, Diskriminierung und Verfolgung geworden sind - vollkommen egal in welchem, wie auch immer anders ausgeprägtem, soziologischen und historisch Kontext!

Statement Weihbischof Mag. Dr. Franz Scharl

Wird ein Name ausgelöscht, so wird eine einzigartige Welt ausgelöscht. Heute gedenken wir vieler von diesem Ort, der Volksoper, vertriebener Künstler & Künstlerinnen! Viele einzigartige Welten wurden vom nationalsozialistischen Orkan vertrieben und über die Erde hin zerstreut. Nachdem sich dieser Sturm gelegt hatte und die Verwüstung allen deutlich sichtbar wurde, gab es offensichtlich keine Gesten, keine Bemühungen um die, die diesen Orkan überlebt hatten. Die Errichtung dieses Gedenksteines soll aus dem Fluss der Zeit und des Vergessens herausragen und unsere Widerständigkeit anzeigen, indem wir uns erinnern & indem sich andere & die nach uns kommen, aktiv erinnern können, sollen & müssen! Es wurde versucht, viele Namen, viele einzigartige Welten durchzustreichen, zum Verschwinden zu bringen. Mögen sie ihr Zuhause schon beim EINZIGEN, bei HA-SHEM gefunden haben. Diese Vertreibung schreit zum Himmel; auch heute schreien Vertreibungen zum Himmel. Die Erinnerung an die Vertriebenen aber möge wie ein frischer Duft der Auferweckung wirksam werden.

Statement Dr. Marie-Theres Arnbom

Meine Recherche zu den Künstlern und Künstlerinnen, die 1938 die Volksoper verlassen mussten, vielversprechende Karrieren abrupt beenden und entweder in der Ferne neu durchstarten mussten oder aber ihr Leben in den Konzentrationslagern lassen mussten, hat vieles Neues entstehen lassen. Ich durfte den Nachkommen begegnen und ihnen Details über ihre Familie erstmals erzählen. Auf der

anderen Seite hatte ich die Möglichkeit, in Familienarchive Einsicht zu nehmen, Fotos der von mir beschriebenen Menschen zu betrachten, ihre Briefe zu lesen und an Erinnerungen teilzuhaben.

Die Enthüllung des Gedenksteines stellt einen weiteren, wichtigen Schritt da, sie und auch viele andere Künstler nicht zu vergessen. Ich bin dankbar, dass ich dazu einen Beitrag leisten durfte.

Statement Henry Krips

Mein Vater war der Dirigent Heinrich Krips. Er musste 1939 vor Hitler und den Nazis nach Australien fliehen. Daher wurde ich in Australien und nicht in Österreich geboren. Mein Vater hatte immer eine zwiespältige Beziehung zu Wien. Er verließ Wien auf der Flucht vor den Nazis, aber er brachte ein Stück Österreich mit nach Australien wie viele andere Vertriebene auch. Um ein simples Beispiel zu nennen: Davor gab es in Australien zwei Arten Käse und ein halbes Jahr nachdem die Österreicher ankamen, gab es 20 Sorten. Sie haben die australische Kultur also sehr beeinflusst. Der Gedenkstein bedeutet mir viel. Es ist schön, dass in einem gewissen Sinn ein Stück meines Vaters nun hier in Wien ist. Es ist also auch eine Heimkehr.

Klaus Lederer

Das Buch von Marie-Theres Arnbom und der Gedenkstein haben eine große Bedeutung für meine Familie. Meine Frau Margit Lederer ist die Cousine 2. Grades des Volksopern-Konzertmeisters Fritz Brunner. Wir wussten nicht, dass es noch weitere lebende Verwandte gibt. Viele Verwandte wurden im Krieg von den Nazis ermordet und in alle Richtungen vertrieben worden. Durch das Buch und einen Artikel darüber im Standard haben wir erfahren, dass Fritz Brunners Tochter Greta Brunner-Staudt in Brüssel lebt. Dank des Buches haben die beiden wieder zu einander gefunden.