„New York! Die erstaunliche, verwirrende Schönheit!“

Zur Neuproduktion von Bernsteins „Wonderful Town”

„Diese Stadt fesselt mich noch immer. Kein Wunder, dass ich dauernd Musik über sie schreibe. Sie ist so dramatisch und lebendig. New York! Die erstaunliche, verwirrende Schönheit des Ortes!“ So schwärmte Leonard Bernstein über die Stadt, in der er … nicht geboren wurde. Das musikalische Multitalent erblickte am 25. August 1918 in Lawrence, Massachussets, das Licht der Welt. Doch „The Big Apple“ inspirierte und animierte ihn, dort hob – mit einem Einspringen für Bruno Walter 1943 – seine Karriere ab, dort ließ er sich nieder und dort starb er im Oktober 1990. Bernstein war gewissermaßen New Yorker, so wie Beethoven, Brahms und Gustav Mahler Wiener waren – um drei seiner musikalischen Abgötter zu nennen. Und er widmete New York seine drei bedeutendsten Musicals: seinen Erstling On the Town, das Meisterwerk West Side Story und jenes zauberhafte Stück, das die Volksoper zu Leonard Bernsteins 100. Geburtstag ins Programm nimmt: „Wonderful Town”.

„Was für ein Beat!“

George Abbott, Regisseur der Uraufführung, berichtete, dass es „mehr hysterische Auseinandersetzungen, mehr Verbitterung, mehr Spannung und mehr Gebrüll in Zusammenhang mit diesem Stück gab als bei jeder anderen Show, mit der ich jemals zu tun hatte.“ Der Grund dafür lag wohl nicht nur darin, dass „Wonderful Town” in Rekordzeit aus dem Boden gestampft werden musste. Ein Musical ist im Entstehen, der Premierentermin nach Verfügbarkeit der Hauptdarstellerin Rosalind Russell mit Jänner 1953 unverrückbar festgelegt. Doch die Autoren des Originalstückes, Joseph Fields und Jerome Chodorov, hatten es nicht geschafft, eine erfolgversprechende Musicalfassung zu erstellen. In aller Eile wurden die Liedtexter Betty Comden und Adolph Green engagiert, die als Komponisten jenen Mann vorschlugen, mit dem sie neun Jahre zuvor das sensationelle New-York-Musical „On the Town” geschaffen hatten: Leonard Bernstein. 
Nicht nur die Zeitnot, sondern handfeste Unterschiede in der ästhetischen Auffassung zwischen alter und neuer Generation waren Anlass zu den Zerwürfnissen, wie Abbott festhält: „Bernstein, Comden und Green waren anspruchsvolle Künstler, deren Schwerpunkt unvermeidlicherweise mehr auf der Satire als auf dem Sentiment lag. Fields und Chodorov litten unter der Wendung, die die Show nahm … Sie klammerten sich hartnäckig an das alte Theater, das sie kannten.“ Gerade dem Komponisten aber ging es um das Neue: „… die Aufregung! Das politische Bewusstsein! Die wunderschönen Moden! Und die Songs! Was für ein Beat!“ Wie bekannt, haben sich Bernstein, Comden und Green durchgesetzt und eine lebenslustig-pralle, meisterliche Musikkomödie geschaffen, die im Jänner 1953 mit durchschlagendem Erfolg am Broadway herauskam.

„… viel zu weit weg von dir, Ohio!“


Die Sherwood-Schwestern aus Ohio versuchen, in New York Fuß zu fassen: Ruth möchte sich als Schriftstellerin etablieren, Eileen zieht es zum Theater. Sie landen im quirligen Künstlerviertel Greenwich Village. Ihr Traum, die „wundervolle Stadt“ im Handstreich zu erobern, gestaltet sich schwieriger als erwartet. Zunächst landen sie in eine Souterrain-Wohnung; der Vermieter ist ein aufgeblasener griechischer Maler, der Nachbar ein abgehalfterter Football-Spieler dessen Spitzname „Wrack“ alles sagt. Nachts wird die Bleibe der Schwestern von einer nahen U-Bahn-Baustelle erschüttert und außerdem stellen sich in immer noch einschlägig interessierte Kunden der Vormieterin Violet ein … Ruth und Eileen sehnen sich nach ihrer provinziellen Heimat: „Einsam sind wir zwei, oh, viel zu weit weg von dir, Ohio!“

Eileen ist hauptsächlich damit beschäftigt, Verehrer abzuwimmeln, während die spröde Ruth erfolglos versucht, ihre literarischen Werke beim Manhattan Magazine unterzubringen. Sollte der scheue Redakteur Robert Baker ein Auge auf sie geworfen haben?
Als Ruth den Auftrag erhält, eine Reportage über brasilianische Seekadetten zu schreiben, mündet dies in eine ekstatische Conga mit anschließendem Gefängnisaufenthalt. Eileen bezaubert das ganze Polizeirevier, während Ruth einen Job im Nachtclub „Village Vortex“ (eine Anspielung auf den real existierenden Jazzclub Village Vanguard) findet. Das Happy-End mit Baker kommt für Ruth mehr als überraschend; für die beiden stellt sich New York schließlich doch als „wundervolle Stadt“ heraus.

Einst und Jetzt

Die Volksoper kann sich der europäischen Erstaufführung von „Wonderful Town” rühmen: Im November 1956 wurde Leonard Bernsteins zweites Musical als zweite Musical-Produktion des Hauses (nach Kiss me, Kate) angesetzt – und das nur dreieinhalb Jahre nach der Uraufführung! Die Pioniertat wurde größtenteils auch von der Kritik gewürdigt, wobei sich noch nicht alle Rezensenten abgefunden hatten mit dem „neuen“ Genre Musical. „New York besteht vor allem aus Wirbel“ titelte etwa die Wiener Zeitung, die der Inszenierung immerhin konzedierte, „ein Dokument der Superpräzision“ zu sein. Mit der Stückwahl sei die Volksoper allerdings „in das Parterre des Kunstlebens abgesunken. Dalibor Brazda dirigiert die vorwiegend jazzmäßig gestimmte, allerlei angenehme Melodien bescherende Musik Leonard Bernsteins, die deutlich negroide Merkmale birgt, so typisch, dass die Atmosphäre ‚Währinger Bar mit großer Mitternachtsshow’ gesichert ist. Die Ausführenden konnten sich für lauten Beifall bedanken. Was allerdings nicht einen Freibrief für eine vorherrschende Pflege des Musicals bedeuten muss.“

Hundert Jahre nach Bernsteins Geburt ist die Akzeptanz für das Genre gottlob deutlich gestiegen, und die Volksoper präsentiert eine Neuproduktion des Meister­werks, das vor prachtvoller Musik und schrägen Typen nur so strotzt. Neben den Hausdebütantinnen Sarah Schütz und Olivia Delauré als Schwesternpaar erlebt das Volksopernpublikum auch Drew Sarich in einer neuen Rolle. Am Pult des Volksopernorchesters steht der britische Dirigent James Holmes. Die Regie liegt in den bewährten Händen von Matthias Davids.

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