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Bühnenbildmodell von Jan Meier

„Du gehst niemals allein“
Zur Neuproduktion von Rodgers & Hammersteins Carousel


Als sich Giacomo Puccini, damals der bedeutendste lebende italienische Opernkomponist, um die Rechte für Liliom bemühte, ließ dessen Autor Ferenc Molnár ihn abblitzen: „Wenn Sie mein Stück vertonen, wird alle Welt von einer Puccini-Oper sprechen. So aber bleibt es ein Stück von Molnár.“ Kurt Weill erging es nicht besser, als er 1937, kurz nach Molnárs Einreise in die USA, an den Schriftsteller herantrat. Erst dem Musical-Dreamteam der 1940er und 1950er Jahre, Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II, gelang es, den Liliom auf die Musiktheaterbühne zu bringen – und weitgehend neu zu erfinden.

Die Handlung wurde vom Budapester Stadtwäldchen an die Küste Neuenglands verlegt, wo sich die amerikanischen Autoren kulturell besser zurechtfanden. Aus dem „Hutschenschleuderer“ Liliom wurde der Karussell-Ausrufer Billy. Er und Julie verlieben sich gleichsam wider Willen ineinander, was Rodgers & Hammerstein mit einem bezaubernden Liebesduett im Konjunktiv zeigen: „If I Loved You“ („Wär’ es Liebe“) wurde vom Uraufführungsrezensenten der Herald Tribune kurzerhand zum „song of the year“ ernannt, obwohl es sich um eine neunminütige Szene handelt, in der Dialog und Duett fein verwoben sind. Während die muntere Carrie ihren Enoch Snow heiratet („Er nennt sich Mister Snow, und ein grundguter Kerl ist er“) und wunschgemäß umfangreichen Nachwuchs bekommt („Sind die Kinderlein im Bett“), ist das Glück dem Hauptpaar nicht hold: Von dem zwielichtigen Jigger lässt sich Billy zu einem Raubüberfall berreden und ersticht sich selbst, um der Verhaftung zu entgehen. Seine Frau Julie und die gemeinsame Tochter Louise bleiben zurück. Der Sternwart gibt Billy die Chance, noch einmal zurückzukehren und Gutes zu tun. Während Liliom von Juli (sic!) weggeschickt und von den Detektiven „kopfschüttelnd“ ins Jenseits zurückeskortiert wird, weist das Musical einen wesentlich optimistischeren Schluss auf. 


Durchgefallen – in die große Welt 

Kostümanprobe Daniel Schmutzhard (Billy Bigelow)

Anlässlich einer Wiener Neuproduktion des Liliom 1956 erinnerte die Volksstimme an den ursprünglichen Misserfolg des nachmals gefeierten Theaterstücks: „Liliom war nicht Konfektion, er war echt … darum fiel er damals durch – in die große Welt.“ Schon die Titelfigur des Stückes träumt davon, mit dem erbeuteten Geld nach Amerika zu gehen. Dem Stück ist es 1921 gelungen: Mit dem geborenen Wiener Joseph Schildkraut in der Titelrolle lief es für beachtliche 300 Vorstellungen am Broadway. Auch die Musical-Adaptation kann man keineswegs als „Konfektion“ bezeichnen. Mit ihrer ersten Zusammenarbeit, dem triumphal erfolgreichen Oklahoma! (1943), hatten „R&H“ die Kunstform auf ein neues Niveau gehoben. Die Darstellung ernsthafter Konflikte, die Emanzipation des Tanze von der Unterhaltungseinlage zum Handlungsträger (die legendäre Agnes de Mille zeichnete für die Choreographien sowohl von Oklahoma! als auch von Carousel verantwortlich) und das nahtlose Ineinandergreifen von gesprochenen und gesungenen Texten zeichnen auch Carousel aus. Maßstabsetzend war schon der Beginn des Stückes: Mit dem einleitenden „Carousel Waltz“ gelang es den Schöpfern, Ouvertüre und Eröffnungsszene zu verschmelzen, mitten in die Handlung vorzustoßen und damit „die intensivste Einleitung zu gestalten, die ein Musical jemals hatte“ (Ethan Mordden).

Selbstgespräch und Chor-Finale

Knapp vor dem Ende des ersten Aktes steht – auch das für damalige Verhältnisse unüblich – eine ausgedehnte, fast achtminütige „Arie” des Hauptdarstellers. Knapp vor diesem sogenannten „Soliloquy“ (Selbstgespräch) hat Billy erfahren, dass Julie schwanger ist und malt sich nun zukünftige Vaterfreuden aus: Sein Sohn, Bill muss er natürlich heißen, wäre sicher so stark wie der Papa und dabei viel klüger … doch wenn es ein Mädchen wird? „So einen Sohn schaukle ich schon, doch für seine Kleine muss man Vater sein!“ Herausragend ist die „Karriere“ von „You’ll Never Walk Alone“, einem der schönsten Broadway-Songs aller Zeiten, mit dem Nettie ihrer Cousine Julie Trost nach Billys Tod spendet. Nicht nur sorgt es im Musical für das oben erwähnte optimistische (nichtsdestowenige zu Tränen rührende) Chor-Finale; als Vereinshymne des FC Liverpool hat das Lied auch die Fußballstadien der Welt erobert. „You’ll Never Walk Alone“ („Du gehst niemals allein“) wird bei der – natürlich deutschsprachigen – Wiener Neuproduktion als einziger Song im englischen Original erklingen.

 „Bestes Musical des 20. Jahrhunderts“

Nicht nur der Komponist Richard Rodgers bezeichnete Carousel als sein Lieblingswerk, es wurde auch 1999 vom Time Magazine zum „Best Musical of the 20th Century“ gekürt – ob es im 21. Jahrhundert überboten werden kann, sei dahingestellt …
Die Angst der Autoren, nichts schaffen zu können, was an ihren Erstlingserfolg heranreicht (Hammerstein: „Wir sind solche Narren … egal was wir machen, die Leute werden sagen: ‚Das ist kein zweites Oklahoma!‘“), erwies sich als unbegründet. „Wenn jemand ein besseres Musical als Carousel schreibt“, so eine Uraufführungskritik, „dann werden es wohl Richard Rodgers und Oscar Hammerstein selbst sein
müssen.“ 

Bei der deutschsprachigen Erstaufführung an unserem Hause (1972) wurde das Werk unter seinem Wert geschlagen: Trotz beachtlicher Besetzung (u. a. traten Wien-Debütant Bernd Weikl, Dagmar Koller als Carrie und Hugo Thimig als Sternwart auf) brachte es Karussell nur auf 15 Vorstellungen – ein Negativrekord. Nun gestalten Dirigent Joseph R. Olefirowicz und das Leading Team des Zauberer von Oz eine Neuproduktion, wobei Henry Mason auch für eine frische Übersetzung verantwortlich zeichnet. Daniel Schmutzhard kehrt als Billy Bigelow an sein ehemaliges Stammhaus zurück, Mara Mastalir verkörpert die Julie und der Hausherr Robert Meyer ist als Sternwart zu erleben.
Christoph Wagner-Trenkwitz

Hier finden Sie Informationen zu Besetzung und Terminen.

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