Giselle Rouge

Von bezauberndem Liebreiz und zerbrechlich wie ein filigranes Gespinst im Wind – dies sind nur zwei jener Attribute, welcher der Giselle, vielleicht der romantischten Ballettfigur schlechthin, zugeschrieben werden. Unerfahren und vor allem auch emotional ungeschützt trifft sie auf ihr fatales Schicksal in Gestalt des Albrecht, der – berauscht von seinem Ego – das zarte Wesen vernichtet: Durch unerträgliche Empfindung zerstört sich Giselles Geist, welcher sich im Augenblick der Erkenntnis umnachtet, ehe sie an gebrochenem Herzen irre geworden aus dem Leben scheidet. 

Die so genannte Wahnsinnsszene am Ende des ersten Aktes des gleichnamigen Balletts stellt jede Ballerina vor große darstellerische Herausforderungen. Olga Spessiwzewa (1895-1991) – eine der berühmtesten Giselles der Ballettgeschichte – bereitete sich sogar mit Besuchen von psychiatrischen Einrichtungen und somit dem Studium der Mimik und Körpersprache von Erkrankten auf die Aufgabe vor. Ob sie dabei wohl ahnte, dass derartige Institute später für Jahrzehnte auch ihr Bleibe werden würden? 

Gleich der Giselle zerbarst Spessiwzewas Persönlichkeit, ihr Schicksal macht sie zur „roten“ Giselle – jener, die durch die blutigen Ereignisse der Russischen Revolution entwurzelt und traumatisiert als Botschafterin der Tanzkunst in ein Niemandsland triftete, in dessen Nichts ihr in jeder Hinsicht erschöpfter Geist letztlich seine Zuflucht nahm. 

Über lange Zeit hospitalisiert wurde sie als „schlafende Ballerina“ ebenso zur Legende wie in der Vollblüte ihrer Bühnenkarriere; bis an ihr Lebensende erzählte sie gerne aus ihrer bewegten Geschichte. 

Boris Eifman, dessen Biographie bemerkenswerte Parallelen zu jener der großen Tänzerin aufweist, greift die bewegendsten Momente dieser heraus und entführt mit seiner Giselle Rouge nicht nur in die Welt des Balletts, sondern zugleich in das Panoptikum einer Epoche, welche sich unter anderem von Gewalt, Spio-nage und politischer Verfolgung geprägt sah. 

So hat er sein Ballett dem Gedenken an Olga Spessiwzewa gewidmet und erinnert doch zugleich an das Schicksal vieler.