Das Wunder der Heliane

Erster Akt

Ein junger Fremder ist in der Armensünderzelle an­­gekettet, wo er seiner Hinrichtung entgegensieht. Dem Pförtner, der ihm zu essen bringt, antwortet er auf die Frage nach seinem Vergehen: „Ich bin jung. Dass die Freude ausgelöscht wird in der Welt, ertrag‘ ich nicht.“ Er wollte Freude unter die Menschen bringen, doch in dem namenlosen Land, in das es ihn verschlagen hat, herrschen Freudlosigkeit, Not und Unterdrückung. Schuld daran ist der grausame Herrscher, der die Liebe seiner Gattin Heliane nicht erringen kann.

Der Herrscher besucht den Gefangenen („Dich, der das Lachen angezündet im Lande, den Frechen will ich sehen“) und bestätigt das Todesurteil. Die Menschen seien nicht reif für das Glück, meint er, und sie dorthin führen zu wollen, bedeute Verrat. Immerhin gestattet der Herrscher, dass der Fremde in seiner letzten Nacht losgekettet bleiben dürfe.

Nachdem der Herrscher den Gefangenen verlassen hat, kommt Heliane in die Zelle, um den Fremden zu trösten („Habt Frieden in der Seele!“). Sie erkennt seine Güte, ihre Gefühle für ihn schlagen von Mitleid und Trauer in Liebe um. Der Fremde bewundert Helianes Schönheit. Auf sein Bitten löst sie ihr langes goldenes Haar, zeigt ihm ihre Füße und steht schließlich völlig nackt vor ihm. Der Fremde gesteht ihr seine Liebe und fleht Heliane an, sich ihm hinzugeben. Sie weigert sich jedoch und geht in die Kapelle, um für ihn zu beten.
Der Herrscher kehrt in die Zelle zurück und unterbreitet dem Fremden ein Angebot: „Du sollst vom Tode gelöst sein, Fremder, wenn du mir hilfst.“ Er solle die Königin lehren, ihren Mann zu lieben, endlich soll sich Heliane dem Herrscher hingeben. Da taucht diese auf, immer noch nackt. Wutentbrannt lässt der Herrscher Heliane und den Fremden von den Wachen ergreifen: „Vor mein Gericht stell’ ich heut’ Nacht die Liebe dieser Welt!“

Zweiter Akt

Richter, Henker und der blinde alte Schwertrichter sind von der Botin herbeigerufen worden. Diese ist voller Hass, da sie einst vom Herrscher geliebt und dann verstoßen worden war. Der Herrscher beschuldigt Heliane des Ehebruchs und will, dass sie vom Gericht verurteilt wird („Auf Liebe steht in meinem Land der Tod! Wer küsst, vors Beil! Wer jung ist, sei verflucht!“). Heliane wird zur Aussage gerufen („Ich ging zu ihm, der morgen sterben soll“): Sie kann nicht leugnen, dass sie nackt vor dem Fremden stand, besteht aber darauf, dass sie sich ihm nur in Gedanken hingab („Nicht hab ich ihn geliebt … doch schön war der Knabe“). Der Herrscher drückt ihr seinen Dolch an die Brust und verlangt von ihr, sich selbst zu töten, um seine Schande auszulöschen.

Der Fremde wird hereingebracht, um als Zeuge aus­zusagen, was wirklich zwischen den beiden vorgefallen ist. Er bittet den Schwertrichter, kurz mit Heliane allein sein zu dürfen – das wird ihm gegen den Willen des Herrschers gewährt. Allein mit Heliane, bittet der Fremde sie, ihn zu töten („Ich hab’s bedacht in meiner Einsamkeit: An meiner Leiche wird sein Hass sich lösen“). Als sie sich weigert, küsst er sie, nimmt ihren Dolch an sich und stößt ihn sich ins Herz. Der Herrscher will ihm noch seine Aus­sage entringen („Soll denn der einz’ge Mund, der Wahrheit weiß, verstummen?“), doch der Fremde stirbt.

Das Volk strömt herbei, um ihn zu sehen („Gebt den Lichtkünder, den Boten der Freude uns zurück!“); der Herrscher verkündet, der Fremde sei wegen einer Frau gestorben, deren Wunderkräfte ihn wieder ins Leben holen könnten, wenn sie unschuldig sei. Heliane unterwirft sich dem Gottesurteil („Ich werde ihn, der gestorben, … vom Tod erwecken!“).

Dritter Akt

Vor dem Palast des Herrschers wartet eine Menschenmenge, dass Heliane den Toten auferwecke. Der Pförtner, der ihre Güte kennt, spricht für Heliane („Weil sie so gut ist, wird ihr Herz nicht nur den Toten erwecken, nein, auch uns“), doch sie bricht vor der Totenbahre zusammen. Das von der Botin aufgehetzte Volk will sie verbrennen, der Herrscher hält die Menge zurück. Unter Tränen gesteht Heliane, dass sie den jungen Fremden geliebt habe. Der Herrscher will sie retten, aber nur unter der Bedingung, dass sie die Seine wird. Als sie ihn zurückweist, überlässt er Heliane der Menge, die sie fortschleppt.

Die Botin triumphiert („Die Liebe lebt nicht mehr“), da ertönt ein Donnerschlag, und der Fremde erhebt sich von der Bahre. Heliane reißt sich von der Menge los und stürzt in die Arme des Geliebten. Voller Wut stößt der Herrscher sein Schwert in Helianes Brust. Der Fremde segnet die Menge („Brüder! Nie mehr wird eure Seele im Finstern dürsten“), verbannt den Herrscher, dessen Macht gebrochen ist, und schließt Heliane in seine Arme. Vereint in ihrer Liebe steigen sie zum Himmel empor („Ich hab’ nicht mich gesucht, hab’ dich gefunden … und nur die Liebe ist die Ewigkeit“).