Carmina Burana

Das vom Wiener Staatsballett präsentierte Programm vereint drei Hauptwerke der Musikliteratur: Claude Debussys Prélude à l’après-midi d’un faune (1894), Maurice Ravels Bolero (1928) und Carl Orffs Carmina Burana (1935/36 entstanden). Was dem Abend die besondere Note gibt, ist die Tatsache, dass drei Ballettschaffende von heute – Boris Nebyla, András Lukács und Vesna Orlic – beauftragt wurden, zu den in der Ballettgeschichte als unverrückbare Größen aufscheinenden Werken neue, speziell für das Wiener Staatsballett entworfene Choreographien zu kreieren.

Was die drei Kompositionen aber aus der Fülle der erfolgreichen Musikliteratur zusätzlich heraushebt, ist eine geheimnisvolle Eigenschaft: alle drei Kompositionen führen ein Doppelleben, das heißt, sie sind in den Konzertsälen der Welt ebenso zu Hause wie auf den Bühnen des musikalischen Bewegungstheaters. Diese Eigenschaft teilen sie aber wiederum mit dem Wiener Staatsballett, das mit seinen zwei Auftrittsorten – Wiener Staatsoper und Volksoper Wien – ebenfalls eine Doppelexistenz führt. 

Prélude à l’après-midi d’un faune
, eine Komposition, die das Tor in die Musik-moderne öffnete, entstand ursprünglich für den Konzertsaal, war aber, spätestens seit Wazlaw Nijinskis legendärer Version von 1912, die wieder ihrerseits den Weg in eine Tanzmoderne wies, ebenso oft im Konzertsaal zu hören wie in einer choreographischen Fassung zu sehen. Bolero nahm den umgekehrten Weg. Für die Ballettbühne in einer Choreographie von Bronislawa Nijinska geschaffen, eroberte sich die Komposition bald die Konzertsäle der Welt. Ebenso verhielt es sich mit Carmina Burana. 1937 als Bühnenstück uraufgeführt, wird das Werk heute in völlig unterschiedlichen Aufführungsmodellen gegeben. Unterschiedlich ist auch die ästhetische Auffassung der für den Abend verantwortlichen Choreographen, was die drei aber wiederum eint, ist der klassische Tanz, aus dem heraus sie ihre eigene Sprache entwickeln.