Leo Hussain
Wann wurdest du zum ersten Mal in deinem Leben durch (Musik)Theater verzaubert? Und wodurch?
Als Kind sang ich in einem Knabenchor in Cambridge, und wir fuhren zwei- bis dreimal im Jahr nach London, um eine Oper zu sehen. Die Allererste für mich war Peter Grimes (ich war damals neun Jahre alt), und sie hat einen so starken Eindruck auf mich gemacht, dass ich meine Eltern regelrecht gedrängt habe, mich noch zweimal in derselben Aufführungsserie dorthin zu bringen. Ich konnte kaum glauben, wie sehr mich diese Mischung von Text, Musik, Bühne und Schauspiel berührt hat - bis heute ist mir diese Erfahrung sehr detailliert in Erinnerung geblieben, und Peter Grimes ist immer noch meine Lieblingsoper.
Warum singen die Leute und warum sprechen sie nicht?
Weil Musik oft weit mehr ausdrücken kann als Worte. Natürlich gibt es hier bei Così fan tutte den Unterschied zwischen gesungene Nummern und Rezitative (ein Art Sprechgesang), und selbst in durchkomponierten Opern wird gelegentlich gesprochen („La commedia è finita!“). Aber die Struktur und Konturen einer Melodie verstärken die emotionale Beteiligung des Sängers auf besondere Weise, und dadurch auch die des Publikums.
Denken wir - was wäre ein Film ohne Musik? Es gibt einen Grund, warum die besten Filmkomponistinnen und -komponisten so gefragt sind. Wenn jemand einen Albtraum von einem Hai hat, wird dieser fast immer von der Musik von John Williams begleitet. Das zeugt von der tiefen Verbindung zwischen Musik und Emotionen.
Welche Rolle kann/soll (Musik)Theater in der heutigen Gesellschaft einnehmen?
Die Kunst – und vor allem die Hochkunst – ist ein wesentlicher Bestandteil des Lebens und des Menschseins. Gerade in einer (zu?) digitalen Welt gewinnt das analoge Erlebnis noch mehr an Bedeutung. Was wir jeden Abend im Theater tun, ist, Menschen zusammenzubringen. Wir sitzen drei Stunden zusammen, und teilen alle dieselbe Erfahrung, ähnlich wie bei einem Gottesdienst.
Die Aufführung eines Theaterstücks ist eine Versammlung von Menschen, die alle aktiv beteiligt sind. Ganz anders als im Kino oder zu Hause beim Netflix-Schauen: Wenn Sie ins Theater kommen, sind Sie ein wichtiger Teil der Vorstellung. Als Dirigent ist man in einer einzigartigen Position, das Aufeinandertreffen zweier Energien zu spüren – die Energie, die von der Bühne in den Saal strömt, und die Energie des Publikums, die zurück zur Bühne fließt; beide begegnen sich gleichsam über meinem Kopf. Ich wünsche mir, dass jeder einmal erleben könnte, wie stark dieses Gefühl in beide Richtungen ist.
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Geboren in
UK
Ausbildung
St. John’s College, Cambridge und Royal Academy of Music
Fünf bis zehn wichtige Engagements
- 2009 – 2013/14: Musikdirektor am Salzburger Landestheater
- 2014 - 2017: Chefdirigent am Opéra de Rouen
- 2016: Royal Opera House (Oedipe)
- 2017: Theater an der Wien (Wozzeck)
- 2018: San Francisco Opera (Tosca)
- 2019: Royal Opera House (Die Zauberflöte)
- 2020: Theater an der Wien (Salome)
- 2021: Frankfurter Oper (L’Italiana in Londra)
- 2022: Teatro Real Madrid (Lakmé)
- 2023: Hamburg State Opera (Falstaff und Don Carlos)
- 2024: Welsh National Opera (Death in Venice)
- 2025/26: Semperoper Dresden (Die Entführung aus dem Serail und Saul), Frankfurter Oper (Mitridate, Re di Ponto und The Passenger), New National Theatre Tokyo (La traviata), Théâtre du Capitole (Carmen), Opéra Orchestre national Montpellier, Teatro Real Madrid, George Enescu Philharmonic und Salzburger Festspiele.
- Weitere Engagements: Bayerische Staatsoper (L'elisir d'amore, Eugene Onegin und Carmen), Théâtre du Capitole (Wozzeck, Pelléas et Mélisande und Die tote Stadt), Norwegian National Opera (Hansel und Gretel); San Francisco Opera (Tosca), Santa Fe Opera (La traviata und Capriccio), English National Opera (The Rape of Lucretia und Tosca), Glyndebourne Festival (The Rape of Lucretia), George Enescu Festival (Wozzeck und Schönbergs Gurrelieder).
Debüt und wichtige Arbeiten an der Volksoper Wien
Musikalische Leitung Così fan tutte (Saison 2026-27)
Website
https://www.intermusica.com/artist/Leo-Hussain
* Verwendung der Fotografie (© Marco Borggreve) nur für Zwecke der aktuellen Berichterstattung über die Volksoper Wien