Janice van Rooy
Was war dein musikalisches „Erweckungserlebnis“? Wann wurdest du zum ersten Mal in deinem Leben durch (Musik)Theater verzaubert?
Ich würde sagen, es war, als ich zum ersten Mal die Oper entdeckte – eigentlich ganz zufällig. Ich hatte versehentlich eine Arie aus Beethovens Fidelio („Abscheulicher! Wo eilst du hin?“) heruntergeladen, weil ich dachte, es sei eine Violinsonate. Ich hatte gerade angefangen, Geigenunterricht zu nehmen, und war begeistert davon, mehr klassische Musik zu entdecken, obwohl ich damals noch sehr wenig darüber wusste. Dann fing plötzlich jemand an zu singen, und ich war absolut fasziniert. Es war so anders als die Art des Gesangs, die ich kannte – hauptsächlich Chorgesang. Von diesem Moment an sang ich mit, versuchte nachzuahmen, was ich hörte, und suchte nach weiterer Opernmusik, sobald ich erfahren hatte, dass dieser Musikstil so hieß.
Rückblickend war diese zufällige Entdeckung der eigentliche Beginn meiner Reise in die Welt der Oper. Das Bewusstsein, das dadurch geweckt wurde, legte den Grundstein für alles, was folgte.
Warum singen die Leute und warum sprechen sie nicht?
Einfach ausgedrückt: Singen vermittelt so viel mehr Emotionen als Sprechen und kann Sprachbarrieren überwinden. Als Sängerin empfinde ich das Singen als eine der stärksten und direktesten Formen des menschlichen Ausdrucks. Durch das Singen kann ich Emotionen, Facetten und Nuancen vermitteln, die ich allein durch Sprache nicht immer ausdrücken kann.
Singen bringt auch Ausdrucksformen zum Vorschein, von denen ich gar nicht wusste, dass ich sie in mir habe. Es ermöglicht mir, Gefühle auf eine Weise zu entdecken und zu vermitteln, die sich tiefer und ehrlicher anfühlt als Worte allein.
Wenn wir sprechen, verbringen wir oft viel Zeit damit, darüber nachzudenken, wie unsere Worte verstanden werden oder ob sie vielleicht falsch aufgefasst werden könnten. Aber wenn ich singe, erlebe ich eine andere Art von Freiheit. Ich fühle mich nicht durch die Grenzen der Alltagssprache eingeschränkt. Stattdessen fühlt es sich so an, als würde die Musik etwas direkt von meiner Seele zur Seele eines anderen Menschen transportieren – auf eine Weise, wie es Worte allein oft nicht vermögen.
Singen ermöglicht es mir, über die Sprache hinaus mit Menschen in Verbindung zu treten, was besonders in der Oper zum Tragen kommt, wo das Publikum tief bewegt sein kann, auch wenn es nicht jedes Wort versteht. Über Kulturen und durch die Geschichte hinweg haben Menschen gesungen, um zu feiern, zu trauern, zu beten, Geschichten zu erzählen und Gefühle auszudrücken, die Worte allein nicht vollständig erfassen können.
In meiner Kultur war das Singen schon immer eine Familientradition – etwas, das alle verstehen und wo alle gerne mitmachen. Diese Erfahrung hat mir schon in jungen Jahren gezeigt, dass Singen nicht nur eine Form der Kommunikation ist, sondern auch eine Möglichkeit, Menschen zusammenzubringen.
Welche Rolle kann/soll Musiktheater in der heutigen Gesellschaft einnehmen?
Für mich persönlich ist Musiktheater weit mehr als Unterhaltung. Ich komme aus Namibia, wo ich mit meiner Familie singend aufgewachsen bin und wo Oper weder zum Alltag gehörte noch den Menschen als Gesangsstil bekannt war. Als erste Opernsängerin meines Landes habe ich daher erlebt, wie kraftvoll es sein kann, wenn Menschen dieser Kunstform begegnen und erkennen, dass die Emotionen, Geschichten und Konflikte auf der Bühne universell sind. Ob jemand nun jedes Wort versteht oder nicht – er oder sie kann dennoch von der Musik und der Menschlichkeit dahinter bewegt werden.
Ich glaube, dass Musiktheater dazu beitragen sollte, dass wir einander besser verstehen. Wir leben in einer Zeit, in der Menschen oft durch Sprache, Kultur, Politik und soziale Medien voneinander getrennt werden. Musiktheater hingegen bringt Menschen in einem gemeinsamen Raum zusammen und lädt sie ein, eine gemeinsame menschliche Erfahrung zu teilen – wenn auch nur für ein paar Stunden.
Ich glaube auch, dass das Musiktheater die Verantwortung hat, zugänglich zu sein. Durch Outreach-Konzerte und Community Performances habe ich erlebt, wie Musik Menschen erreichen kann, die vielleicht nie daran gedacht hätten, eine Oper oder eine Musiktheateraufführung zu besuchen. Diese Momente erinnern mich daran, dass diese Kunstform allen gehört, nicht nur einem ausgewählten oder stereotypen Publikum.
Heute sollte das Musiktheater große künstlerische Traditionen bewahren und gleichzeitig Raum für neue Stimmen, neue Geschichten und Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund schaffen, damit sie sich auf der Bühne wiederfinden können. Im besten Fall fördert es Empathie, regt zum Gespräch an und erinnert uns an unsere gemeinsame Menschlichkeit.
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Geboren in
Swakopmund, Namibia
Ausbildung
Universität Kapstadt
Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover
Wichtige Engagements
Deutschen Oper am Rhein, Staatsoper Hannover, Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin
Prägende Zusammenarbeit mit diesen Künstler:innen
Eine der wichtigsten Kollaborationen, die mich als Künstlerin geprägt haben, war jene mit meinem inzwischen verstorbenen Geigenlehrer in Namibia. Rückblickend war er der erste Mensch, der wirklich an mein musikalisches Potenzial geglaubt hat. Obwohl ich damals noch Anfängerin an der Geige war, ermutigte er mich, als wäre ich zu viel mehr fähig. Er entdeckte auch mein Gesangstalent, als ich im Chor sang, und bestärkte mich immer wieder darin, mich der Musik zu widmen. Sein Vertrauen in mich gewann noch mehr an Bedeutung, als er kurz nach Beginn unseres Unterrichts begann, sein Gedächtnis zu verlieren. Andere mussten ihn oft an Dinge erinnern, doch jedes Mal, wenn er mich sah, wusste er sofort, dass ich seine Schülerin war. Er sprach mit so viel Stolz und Überzeugung von mir, dass ich manchmal das Gefühl hatte, er glaubte mehr an mich, als ich selbst es tat. Er unterrichtete noch mit 84 Jahren und gab all sein Wissen weiter. Manchmal hatte ich ein schlechtes Gewissen, Unterricht von ihm zu erhalten, vor allem, weil er trotz seiner nachlassenden Gesundheit so großzügig mit seiner Zeit war. Später wurde mir klar, dass das Unterrichten von Musik für ihn keine Last war. Es war ein Geschenk, und das, was er am meisten liebte. Er lehrte mich, was es bedeutet, sein Leben der Musik mit Leidenschaft, Großzügigkeit und Freude zu widmen. Wann immer ich darüber nachdenke, zu welcher Künstlerin ich mich entwickle, weiß ich, dass sein Vertrauen in mich maßgeblich dazu beigetragen hat, dies möglich zu machen.
Bedeutende Preise und Ehrungen
Wettbewerbe:
Internationaler Hans Gabor Belvedere Gesangswettbewerb:
The Royal Opera House Covent Garden Engagement-Preis, 2024
Walter und Charlotte Hamel Opernwettbewerb:
Erster Preis, 2024
Publikums- und Nachwuchspreis, 2023
Neues Lied Festival, Wettbewerb für junge Lied-Duos:
Erster Preis sowie Preis für Beste Interpretation eines Liedes von südafrikanischen Komponist:innen, 2022
Sultan of Arts Gesangswettbewerb:
Erster Preis, 2022
Auszeichnungen:
Opera Europa Eva Kleinitz-Stipendium, 2023
Preis der Ernst von Siemens Musikstiftung, 2023
Gundlach Musikpreis, 2023
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