FAMILIENKONFLIKTE, EROTIK & GLAUBENSWAHN
Oft ist man überrascht, wie unterschiedlich, manchmal sogar verstörend gegensätzlich die Urteile zu Opern und deren Umsetzungen ausfallen können. Es hilft sich zu erinnern, dass das kein neues Phänomen ist, sondern immer schon der Fall war. „Das ist Wahnsinn! ... Nichtiger Unfug, vermählt mit Unzucht”, soll Cosima Wagner gesagt haben, als Richard Strauss ihr aus der Partitur der Salome vorspielte. Ganz anders Gustav Mahler: „Das ist Ihr Höhepunkt bis jetzt!“ In jedem Fall war die Oper ein Skandal, als sie das erste Mal das Bühnenlicht der Welt erblickte. An der Wiener Staasoper durfte das Stück lange nicht aufgeführt werden, weswegen die Wiener Erstaufführung am 23. Dezember 1910 an der Volksoper stattfand. Das Werk, das eine so verstörende Geschichte erzählt, ist also eng mit der Geschichte unseres Hauses verbunden.
Die Königstochter Salome ist der Dekadenz ihres Umfelds überdrüssig. Einen Gegenentwurf findet sie in der Keuschheit des von ihrem Stiefvater Herodes in einer Zisterne gefangengehaltenen Propheten Jochanaan. Seine Ablehnung steigert ihre Faszination zur Ekstase. Salome will ihn küssen, doch er weist sie zurück. Als Herodes seiner Stieftochter im Tausch gegen einen Tanz alles verspricht, was sie sich nur wünsche, willigt sie ein, fordert dafür aber einen hohen Preis: den Kopf des Propheten.