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Unsere Vision

Seit der Saison 2022/23 ist Lotte de Beer Direktorin der Volksoper Wien. Lesen Sie hier mehr über die Pläne und Visionen ihrer Direktionszeit.

Lotte de Beer über ihre Visionen für die Volksoper Wien

Mein Ziel ist es, die Volksoper ein Haus der Künstler:innen, ein Haus des Publikums nennen zu können. Ein Haus, in dem Künstler:innen singend, tanzend und spielend Geschichten erzählen; ein Haus, in dem Menschen sich verführen lassen, zum Nachdenken eingeladen werden und in dem sie hemmungslos lachen können.

Ich denke, dass in der Volksoper alle Zutaten vorhanden sind, um die Bewohner:innen von Wien zu erreichen und gleichzeitig die Welt zu inspirieren. Genau so, wie es die Musiktheaterlandschaft Wiens seit Jahrhunderten tut.

  • Ein Sextant in der Zeit

Ein Sextant ist ein Instrument, mit dem man mit Hilfe von Spiegeln und Winkeln seine Position im Verhältnis zu den Himmelskörpern estimmen kann. Und mit dem sich auf See navigieren lässt. Man kann also damit feststellen, wo man ist, woher man kommt und worauf man zusteuert, um dann zu wissen, wohin man lenken muss. Das ist so ziemlich meine Definition von Theater: Dass man aus verschiedenen Blickwinkeln in den Spiegel schaut und sehen kann: Woher kommen wir, wo befinden wir uns jetzt, wie verhalten wir uns zu unserer eigenen Geschichte und wie könnte es von hier aus weitergehen?

  • Brückenbauen, Verbinden

Ich will vor allem Brücken bauen. Brücken zwischen den Generationen, zwischen Tradition und Erneuerung, zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Nostalgie und Utopie. Brücken zwischen dem Theater und der Stadt, der Bühne und dem Zuschauerraum, zwischen der Loge und der Galerie. Ich will diese seltsame Unterscheidung zwischen hoher Kunst und Unterhaltung hinter mir lassen und stattdessen ein Musiktheater machen, das verbindet.

  • Zwischen Damals und heute

Theater findet immer im Jetzt statt. Aber die meisten Noten und Texte, die wir spielen, stammen von früher. Dieses Spannungsfeld zwischen damals und heute ist genau die Bühne, auf der wir spielen. Wir beschäftigen uns mit Themen und Geschichten aus den Jahrhunderten vor uns, aber wir stehen auch in der Tradition, sie an unsere Zeit anzupassen. Dieses Anpassen, dieses Interpretieren findet ebenfalls seit Jahrhunderten statt. 

  • Die Volksoper als Haus der Künstler:innen

Wonach ich immer suche, das sind Partnerschaften mit hervorragenden Geschichtenerzähler:innen, und zwar in jeder Form von Musiktheater. Wir holen die besten Regieteams von heute zu uns und bauen gleichzeitig die spannendsten Teams von morgen auf. Und last but not least: Hier im Haus selbst haben wir ein Top-Ensemble aus wahren Allround-Künstlerinnen und -Künstlern. Gemeinsam werden wir Geschichten erzählen, Fragen stellen, bezaubern, entzaubern, zum Denken anregen, Schönheit miteinander teilen. Mit dem Mittel der Kunst können wir unseren Blick auf die Welt untersuchen, hinterfragen, schärfen und dadurch auch verändern.

Es ist beeindruckend mitzuerleben, wie sich Bühnenroutiniers, debütierende Sänger:innen und junge Talente gegenseitig inspirieren. Ich liebe es, mit sehr guten Sänger:innen, intelligenten Schauspieler:innen, Teamplayern und Menschen, die etwas zu sagen haben, zu arbeiten. Und wenn man die alle zusammenbringt, spielt es keine Rolle, woher sie kommen oder wo sie gearbeitet haben. Diese Menschen teilen etwas miteinander, neben einer brennenden Liebe für den Beruf, und sie bringen sich gegenseitig zum Leuchten. Und das zu sehen ist großartig und damit arbeiten zu dürfen ist fantastisch.

  • Die Volksoper als Haus des Publikums

Wir streben nach einer „Volksoper“ im wahrsten Sinne des Wortes. Das Haus steht ja nicht umsonst in einer Gegend, in der die Menschen auch wirklich wohnen. Schon jetzt spricht die Volksoper sehr unterschiedliche Publikumsgruppen an, und genau das wollen wir beibehalten, die Basis sogar nochmals verbreitern. Mir schweben da etwa Begegnungen zwischen unserem Stammpublikum und Leuten vor, die vielleicht noch niemals im Theater waren, das ist mir ein echtes Anliegen. Musiktheater ohne Grenzen für ein Publikum ohne Grenzen.

  • Theater ist work in progress

Theater ist eine lebendige Kunstform, nie ganz fertig. Sogar die 300. Vorstellung einer Produktion entwickelt sich noch: Eine Sängerin, ein Tänzer, eine Dirigentin macht irgendwas ein klein bisschen anders, ein Lacher im Publikum kommt eine Spur früher oder später. Wir haben uns im 20. Jahrhundert schon so an unveränderliche künstlerische Ausdrucksformen gewöhnt: Platten, CDs, Fernsehen, Film, alles scheint seine definitive Form gefunden zu haben, aber im Theater kann eben alles immer noch ganz anders werden, vielleicht ja sogar schiefgehen. Und genau das macht es zu einem spannenden Gemeinschaftserlebnis: Wir sind dabei gewesen, als es passiert ist! Diese besondere, lebendige Qualität von Theater wollen wir in jeder Hinsicht betonen. 

  • Suche nach der richtigen Form, eine Geschichte zu erzählen

Eine der Traditionen an der Volksoper ist das Übersetzen des gesungenen Textes ins Deutsche. Das ist für mich ein schönes Beispiel für die Identität dieses Hauses: Ein Ort, an dem man stets nach dem besten Weg sucht, um verstanden zu werden. Ich glaube, dieses Beispiel kann man sogar in einen noch größeren Kontext setzen: Wir müssen für jedes einzelne Projekt die richtige Form finden, um die jeweilige Geschichte zu erzählen. Das kann manchmal bedeuten, dass wir auf Deutsch singen, manchmal aber schafft gerade die Originalsprache weniger Distanz. Manchmal werden wir die Erwartungen des Publikums liebend gerne erfüllen, aber manchmal verlangt eine Geschichte vielleicht auch danach, alle Gewissheiten aufzugeben und die bekannten Form- und Bildsprachen auf den Kopf zu stellen. Aber nicht um zu schockieren, sondern um die Geschichte eben so treffend wie möglich zu erzählen. Die Volksoper kann das Haus sein, an dem man „Oper für das Volk“ macht, das heißt für Menschen von hier und heute. Sie kann ein Ort sein, an dem das Publikum weiß: Hier bekomme ich eine Geschichte zu sehen und zu hören, die genau mich anspricht, und zwar genau jetzt. Musiktheater, das Kopf, Herz und Bauch gleichermaßen berührt, spielt eine wichtige Rolle beim Bewältigen der turbulenten Zeiten, in denen wir gerade alle leben.

  • „Art should comfort the disturbed and disturb the comfortable“

Ein treffendes Motto von Cesar A. Cruz. Wenn die Zeiten sich ändern, ändert sich auch die Art der Kunst, die die Menschen brauchen. Sind die Zeiten gut, soll Kunst ruhig aufrütteln und wachschütteln. Wenn es um uns herum aber dunkel und unsicher wird, ist vielleicht Unterhaltung die bessere Wahl. Theater kann ein Ort sein, an dem wir gleichzeitig berührt, stimuliert und unterhalten werden. Gerade jetzt ist vermutlich nicht die Zeit für Revolutionen im Theater, sondern für Restauration. Damit meine ich aber nicht Konservativismus oder denkfaules Zurücklehnen. Sondern Anschließen an eine lebendige Tradition.

  • Fantasie macht die Wirklichkeit erträglich

Als ich in meiner Jugend die französischen Existenzialisten las, allen voran Albert Camus, da dachte ich: Das Leben ist sinnlos, ohne Zweck und Bedeutung. Sein einzig möglicher Wert liegt in unseren Versuchen, etwas Besseres zu erreichen. Kunst ist Ausdruck genau dieser Versuche. Wir singen, tanzen, erzählen einander Geschichten, wir zeichnen, kneten, spielen; und damit haschen wir nach dem Nirwana. Werden wir es finden? Natürlich nicht. Aber das befreit uns nicht von der Pflicht, danach zu suchen. Die Anstrengungen, Bemühungen, Versuche sind das Einzige, was zählt. Deswegen mache ich Theater.