Til Ormeloh
Was war dein musikalisches „Erweckungserlebnis“?
Ich erinnere mich an viele kalte Wintertage in meiner Kindheit, die sich jährlich um Silvester herum abspielten. Draußen war es so kalt, dass es beim Ausatmen dampfte, aber bei uns zu Hause brannte der Kamin und auf 3sat liefen diverse Live-Konzerte: Meat Loaf, Queen, Pink, Lady Gaga, Green Day, Linkin Park, Bruno Mars.
Hier begann meine große Liebe zur Musik und zu Live-Performances.
Ich hatte außerdem das große Glück, dass das Theater Münster zu meiner Schulzeit eine sehr aktive Sparte „Junges Theater“ hatte, in der wir jedes Jahr ein professionelles Musical aufführen durften. 2018 durfte ich dort – mit 17 Jahren, also genau im Rollenalter – Melchior Gabor in Spring Awakening spielen. Jetzt, acht Jahre später, darf ich dasselbe Stück wieder spielen, und ich kann viele Erinnerungen von damals in meine heutige Interpretation einfließen lassen.
Was war dein schauspielerisches „Erweckungserlebnis“?
Mit neun Jahren stand ich auf dem Schulhof meiner Grundschule und merkte plötzlich: Ich erfinde eine Geschichte.Und acht strahlende Gesichter hören mir zu. Ich schmückte diese Geschichte aus, gestikulierte wild, ging ins Detail – und erwischte mich zwischenzeitlich bei der ein oder anderen kleinen Lüge.
Ich mochte es, Emotionen aus erlebten Erinnerungen noch einmal hochzuholen, und liebte es zu beobachten, wie meine Mitmenschen darauf reagierten. Ich bin süchtig nach dem „Moment of not knowing“ – dem Moment, in dem der/die Gesprächspartnerin und somit auch das Publikum unbedingt wissen will, wie es weitergeht, so empathisch mitfühlt; die Irritation in den Augen eines Gegenübers.
Für die Bühne und für meinen Beruf habe ich gelernt: anbieten, auch hässlich zu sein, mit voller Energie zu proben, Quatsch machen zu dürfen!Aus dem Quatsch entstehen die besten und realistischsten Handlungen. Auch hier bei Spring Awakening merke ich, wie gut es mir tut, mit Freund*innen zu spielen. Mit ihnen über dumme Ideen zu lachen und diese dann zu verwenden. Es ist so wichtig, dass der Spaß und die Kreativität im Vordergrund stehen und nicht verloren gehen. Das Spielerische, das kindliche Erkunden, das Suchen, der Prozess. Bewegung mitnehmen. Stimme mitnehmen. Impulsen folgen. Dem/der Partner:in zuhören. Konkret sein. Im Moment sein.
Was war dein tänzerisches „Erweckungserlebnis“?
Dieses kam recht unerwartet und überraschend. Ich hatte im und vor meinem Studium nie einen wirklich großen Bezug zum Tanz. Bewegt habe ich mich immer gerne, aber vor allem klar vorgegebene Choreografien – besonders im Ballettunterricht – haben mich oft frustriert.
Zwei Momente:
Im Studium lernte ich vor allem auf Partys das freie Tanzen kennen. Ich erinnere mich an einige Nächte, in denen ich mit Freunden wie Max Aschenbrenner, Camillo Guthmann, Samuel Türksoy oder Juri Menke stundenlang spielerisch – ja, tänzerisch – in Bewegung war. Ich bekam immer mehr Spaß an absurden Bewegungen, lernte meinen Körper kennen, und es wurde mir zunehmend egal, wie ich dabei aussah
Vor allem aber, als ich in Bozen Rogar in Rent probte, durfte ich nach dem Studium feststellen, dass es auch gut möglich ist, gemeinsam mit einem Kreativteam Choreografien und Bewegungsabläufe zu erarbeiten. Ich lernte hier sehr viel von und mit Marcel Leemann. Auch hier – wie ich es im Spiel immer gern mache – erst einmal darauf zu pfeifen, wie es aussieht.
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Geboren in
Viersen, wohnhaft in Wien
Ausbildung
Folkwang Universität der Künste (Musical)
Wichtige Engagements
Judas in Jesus Christ Superstar am Staatstheater Nürnberg
Ché in Evita bei den Schlossfestspiele Ettlingen
Rogar in RENT an den Vereinigte Bühnen Bozen
Jesus in Jesus Christ Superstar bei den Bühnen Bern
Frederic Barrett in Titanic bei den Freilichtspiele Tecklenburg
Robert in Kristina (deutsche Erstaufführung) am Stadttheater Koblenz
Wichtige Arbeiten an der Volksoper
Moritz Stiefel/Otto Lämmermeier in Spring Awakening (Debüt)
Prägende Zusammenarbeit mit diesen Künstler:innen
Anita Iselin, Gil Mehmert, Andreas Gergen, Ulrich Wiggers, Josef Ernst Köpplinger, Noam Meiri, Rudolf Frey, Marcel Leemann, Enrico Di Pieri, Camillo Guthman
Bedeutende Preise und Ehrungen
Kurt-Müller-Graf-Preis der Schlossfestspiele Ettlingen
Mehrere Sonderpreise des MUT-Wettbewerbs vom Staatstheater am Gärtnerplatz